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Der Realitätenhändler

Gleich hinter dem Brunnen stand ein Haus. Die Schrift über dem Laden war schwer zu lesen. Ein Wasserstrahl, der aus dem steinernen Gefäß der Brunnennymphe in den Himmel schoss, störte den Blick. Enrico Scaloppino betrat den Laden am frühen Nachmittag. Guten Tag, sagte er, ich bin auf der Suche nach einer neuen Realität. Da sind Sie hier richtig, sagte der Mann hinter dem Tresen, nur zu, kommen Sie näher, keine Scheu. Was haben Sie zu bieten?

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Ausziehen

Vor ein paar Jahren hab ich mit dem Erwin getanzt. Auf der Hochzeit meiner Freundin. Er hat gemeint, ich solle die Augen schließen und dem Rhythmus der Musik folgen. Totong, totong. Er hat meine Hand genommen und damit auf seine Brust geklopft, als wär ich sein Baby. Aber das stimmte nicht. Er war mit Renate hier.

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Das wahnsinnige Pech

eine Anti-Romanze, vielleicht

Da sind zwei. Der eine geht seinen Weg. Und der andere auch. Jetzt gibt’s nicht zwei auf dieser Welt, sondern 7.284.283.000. Das sind viele. Viel mehr als zwei. Und unendlich viele Wege. Jeder von diesen 7.284.283.000 geht einen. Und der eine von den zweien geht auch einen. Nämlich seinen. Auf seinem Weg läuft er täglich an 127 von denen vorbei. Vielleicht sind es auch 130. Er zählt sie nicht. Aber dann ist plötzlich einer von diesen 127 oder 130 der andere. Dessen Weg sich zufällig mit dem des einen kreuzt. Und der eine bleibt kurz stehen. Und beginnt zu überlegen. Und wenn der eine schon einmal zu überlegen beginnt, wird’s kritisch.

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Die Mitte eines seltsamen Lebens

Erzählung

Ein Skifahrer also. Blum ein Skifahrer. Als ob allein die Tatsache, dass er nachts davon träumte, schon dafür ausreichte. Er habe ständig irgendwelche Pisten zu bewältigen, immer dasselbe Szenario, er sehe nichts, alles sei weiß und undurchdringlich und er müsse nach unten. Es gebe für ihn mittlerweile nur noch zwei Jahreszeiten: Tag und Winter. Und dass dieser ganze Schnee bedenklich sei. Für einen wie ihn, der mit der Spezies, die ihre Freizeit verwedelt, nichts anfangen könne, sei das überaus bedenklich. Und dass der erste Schnee, der richtige erste Schnee, schon sehr gemein daherkäme – so zart und unauffällig, der schleiche sich regelrecht ein.

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gewissheit kippt wiege in der ich mich

I
habe ich schon gesagt, dass es anders kommt, als man denkt, und dass man anders denkt, als man will? ich wollte, dachte ich, mit dir, und jetzt kam es, obwohl ich nicht wollte, dass es so käme, als ich dachte, es käme anders und. ich wollte. was dachtest du.

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Der Gang durch den Rosengarten

Rosen blühten. Laue Luft schmiegte sich über die laute Stadt. Und zwischen Stein blühten Rosen. Und rote Rosenblüten lagen auf grauem Rasen. Dann Elis, der zwischen rasenden Autos sich schlängelnd bewegte. Mit dichtem Blick in die Welt geblickt, die für ihn nicht war. Für ihn war nur Eliswelt, Elis-im-Wunderland-Welt, er allein in seiner weiten Kopflandschaft. Er übersah und hinterging mich. Ich kreuzte und querte Mandelsteins Weg. Dieser in Schlenderstiefeln. Mandelstein war einer, der immer zu spät kam. Und doch bestrafte ihn das Leben nie.

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Westwärts

oder: die Liesbeth in deinem Leben

Favell sitzt am Schreibtisch, es ist elf Uhr abends. Sein Gesicht liegt im Dunkeln, während die tief geneigte Tischlampe gelbe Kreise aufs weiße Blatt zeichnet. Dann nimmt er den Bleistift, kritzelt das Datum in die obere rechte Ecke, lässt zwei Leerzeilen folgen und schreibt: Lieber Herr Jonas, ich muss morgen verreisen.

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Sonntags einmal um den Block

Elfriede heißt die Frau aus dem zweiten Stock. Sie trägt gerade den Müll raus. Anna sitzt hinter der Gardine und sieht ihr dabei zu. Jetzt bleibt Elfriede an der Tonne stehen, hebt den Deckel und schaut hinein. Dann stellt sie ihre Mülltüte beiseite und greift mit einer Hand in die Tonne. Langsam verschwindet ihr Oberkörper darin, bis zur Taille hängt sie nun in der dunklen Öffnung. Der weite Rock rutscht ihr über die Knöchel, die Waden, als plötzlich das Telefon läutet.

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Stell dir vor

Stell dir vor, wie es wäre, wenn plötzlich alles verkehrt rum hängen und stehen würde. Verkehrt rum nicht im Sinne von verkehrt rum, sondern wirklich anders: Die Uhr hinge nicht mehr an der Wand, sondern die Wand an der Uhr, …

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Das Niesel im Regen. Eine Zeitgeschichte

Am Morgen des fünften November holten drei Wecker Herrn August Kämmerlein aus seinem Bett. Das vollzog sich dergestalt und hatte schwerwiegende Folgen: Als der erste Wecker um sechs Uhr fünfzehn klingelte, war es draußen noch dunkel. August Kämmerlein, der in diesem Moment, aus seinem Traum gerissen, ein wenig zu sich kam, öffnete sein rechtes Auge spaltweit, fixierte das klingelnde Ding, das drei Meter abseits des Bettes stand, entzog seinem Kopf das Kissen und brachte es damit zum Schweigen. „Lärmkiste, dämliche“, brummte er. Draußen regnete es, die Reifen der vorbeifahrenden Autos zogen nasse Spuren in die Ruhe des Morgens. Herr Kämmerlein dachte nicht ans Aufstehen.

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Seidemann

In meinem Keller stinkt es nach Verwesung. Vielleicht ist es ein Tier, das durch eine Ritze geschlüpft ist, durch das undichte Fenster, das manchmal aufspringt bei starkem Wind. Wenn der alte Holzrahmen knarrt und ächzt und schließlich mit dumpfem Knall gegen das Gemäuer schlägt, dann weiß ich, dass mein Keller wieder offen ist für jeden, der herein will, dass er dunkle Gestalten anlockt mit seinem modrigen Geruch, den er nach außen schickt.

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Salon digital

Vorbei die Zeit der k.u.k. monarchischen Salons. Monologisierende Leutnant Gustls treffen sich höchstens noch im Chat. Und: Die Ehre ist sowieso dahin. Was soll es also noch.

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Kleinstadthelden

eine kleine Geschichte für große Kinder

Irgendwo im Nirgendwo lag, auf zerklüftetem Fels vor tosender Meeresbrandung, das kleine Städtchen Nubiland. „Ein gewöhnlicher Ort“, sagten die einen, weil Nubiland alles hatte, was es zum Stadtsein brauchte: eine Kirche, ein Rathaus, ein Fischerstübchen und viele schöne, kleine Häuschen. „Ein böser Ort“, sagten die anderen, weil in den vielen schönen, kleinen Häuschen, dem Fischerstübchen, dem Rathaus und der Kirche von Nubiland nur eines herrschte: die Gleichgültigkeit. Und so trug es sich zu, dass eines Tages etwas Schreckliches passierte …

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