Vor ein paar Jahren hab ich mit dem Erwin getanzt. Auf der Hochzeit meiner Freundin. Er hat gemeint, ich solle die Augen schließen und dem Rhythmus der Musik folgen. Totong, totong. Er hat meine Hand genommen und damit auf seine Brust geklopft, als wär ich sein Baby. Aber das stimmte nicht. Er war mit Renate hier.

Renate saß weiter hinten im Saal, an einem der Tische. Dort hatte ich sie zum letzten Mal gesehen. Jetzt sah ich nichts mehr, weil ich die Augen geschlossen hatte, um den Rhythmus zu spüren.

Der Erwin sieht aus wie ein Friseur, sagte mein Ex, weil er angefressen war, dass ich mit ihm nicht so tanzte, mit einer Hand auf der Brust und mit geschlossenen Augen. Aber das war mir egal wie Erwins Frisur. Mit den blonden Strähnen hatte er es eindeutig übertrieben, warum auch nicht. Die Renate schien sich ebenfalls nicht daran zu stören. Sie saß jetzt nicht mehr an ihrem Tisch, sie stand an der Bar mit Jimmy und trank Rüscherl. Jimmy machte den Eindruck, als hätte er der Renate gerne an den Arsch gefasst, aber das tat er nicht, weil er anständig war. Zumindest nach außen hin. Und weil Monika gleich neben ihm stand, die dem Jimmy bei Annäherung an Renates Gesäß mit Sicherheit eine gelangt hätte. Also blieb alles im Rahmen, soweit.

Später fing die Schwester meines Ex den Brautstrauß. Das gelang ihr nur deshalb, weil sie sich mit ihrem gesamten Gewicht in die kreischende Frauenmenge warf und schließlich in deren Mitte, mit dem Strauß in der Hand, regelrecht detonierte. Als ihre Mutter sie anschließend fragte, was sie sich jetzt wünschte, röhrte sie: einen Mann. Ihre Stimme klang wie die eines Tieres, bedrohlich und ausgehungert.

Erwin wollte jetzt Stehblues tanzen. Totong, totong. Ich fand ihn nicht mal so schlecht, den Erwin, die Frisur war mir, wie schon gesagt, egal. Nur Renate störte irgendwie. Erwin betrieb eine Sexhotline, die lukrativ war. Inwiefern er auch Renate in seine Geschäfte involvierte, wusste ich nicht. Jimmy vielleicht, der noch immer mit ihr an der Bar stand und von Monika beaufsichtigt wurde. Renate trug einen engen Overall, eine Art Catsuit, und war auf jeden Fall blonder als der Erwin.

 

Ausziehen war Erwins Leidenschaft. Ausziehen, um Abenteuer zu finden. Oder sich generell ausziehen, das lag ihm sicher auch. Letzte Nacht hätte er um ein Haar Wasser aus der Hundeschüssel gesoffen, nachdem er auf dem Tisch getanzt hatte, aber da war es schon sehr spät. Und Erwin bedient wie wir alle. Da hatte er schon einige Schnäpse intus, da war er hemmungslos, der Erwin, noch hemmungsloser als sonst. Totong, totong. Vom vielen Klopfen kamen dem Erwin schon die Brusthaare durchs Hemd. Erwin, kann ich meine Augen wieder öffnen, fragte ich, aber Erwin sagte: Lass dich gehen.

Wir waren dann noch in einem Lokal in dieser Nacht vor der Hochzeit, irgendwo in der niederösterreichischen Pampa. Ich könnte nicht mehr sagen, wo es war, es tauchte auf und verschwand wieder wie in einem Traum. Vor dem Lokal stand ein Auto, das uns nicht gehörte. Wir setzten uns auf die Motorhaube und tranken Mojitos. Erwins Hemd stand bis zum Bauchansatz offen, ich sah seine Brusthaare, die waren nicht blond. Ich hätte den Erwin gern wieder angezogen, ihn zugeknöpft, aber ich traute mich nicht, in diese halberogene Zone vorzudringen. Das war mir zu gefährlich. Der Jimmy war auch da und der Gof und alle starrten sie nur, starrten auf Erwins offenes Hemd, auf die Motorhaube und die Mojitos und auf Gabis Dekolleté. Mit der war ich hier. Und dann gab es noch Oliver, aber den wollte keiner so recht. Er war einer vom Militär, trug Springerstiefel und hatte einen strengen Charakter. Sie nannten ihn Nazibazi, halbzärtlich, weil er halt doch auch dazugehörte, irgendwie. Aber ihre Zuneigung war gespalten. Nur die Schwester meines Ex, die den Brautstrauß gefangen hatte, versuchte es auf der Hochzeit bei ihm, als ich schon mit Erwin tanzte.

Am Tag nach dieser verheerenden Nacht heiratete also meine Freundin, aber ich konnte nich aufstehen. Ich lag im Motel und starrte auf das offene Fenster über der Tür, das Gabi letzte Nacht oder am Morgen, als wir nach Hause gekommen waren, ausgehängt hatte, weil wir unter dem Feuermelder rauchten. Ich versuchte, aufzustehen und mir die Zähne zu putzen. Ich versuchte, mir die Haare zu kämmen. Ich versuchte, mich anzuziehen. Ich machte das Gegenteil von dem, was Erwin gerne machte. Aber das dauerte alles zu lange. Die Luft im Zimmer war schlecht, da half auch das offene Fenster nicht. Gabi war längst in der Kirche, Erwin, Jimmy, Gof und Oliver sicherlich auch. Nur ich lag noch hier, in meinem weiß-rosa Outfit, und fühlte mich auch so. Ich verpasste die Trauung und kam gerade noch rechtzeitig zum Stehbluestanzen mit Erwin. Aber irgendwann war mir dann schlecht, weil ich die Augen nicht aufmachen durfte.

Oliver ließ die Brautstrauß-Schwester abblitzen und meine Freundin brach ihrem frisch angetrauten Mann den Finger. Erwin hätte letzte Nacht fast aus der Hundeschüssel gesoffen, wenn das die Renate gesehen hätte! Aber die war zum Glück nicht da. Am Abend vor der Hochzeit zu poltern, ist ein Schnapsidee, in jeder Hinsicht. Und dann noch ausschließlich mit den Freunden des Bräutigams.

 

Heute habe ich erfahren, dass der Erwin die Renate verlassen hat. Ausgezogen ist er, wieder einmal, weit weggegangen, nach Costa Rica. Dort hat er sich ein Haus gekauft. Was er nun macht, weiß keiner so genau. Womöglich aber etwas noch weitaus Lukrativeres.