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	<title>Textiles &#8211; fein fein</title>
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		<title>Das Niesel im Regen. Eine Zeitgeschichte</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
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					<description><![CDATA[Am Morgen des fünften November holten drei Wecker Herrn August Kämmerlein aus seinem Bett. Das vollzog sich dergestalt und hatte schwerwiegende Folgen: Als der erste Wecker um sechs Uhr fünfzehn klingelte, war es draußen noch dunkel. August Kämmerlein, der in diesem Moment, aus seinem Traum gerissen, ein wenig zu sich kam, öffnete sein rechtes Auge spaltweit, fixierte das klingelnde Ding, das drei Meter abseits des Bettes stand, entzog seinem Kopf das Kissen und brachte es damit zum Schweigen. „Lärmkiste, dämliche“, brummte er. Draußen regnete es, die Reifen der vorbeifahrenden Autos zogen nasse Spuren in die Ruhe des Morgens. Herr Kämmerlein dachte nicht ans Aufstehen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Am Morgen des fünften November holten drei Wecker Herrn August Kämmerlein aus seinem Bett. Das vollzog sich dergestalt und hatte schwerwiegende Folgen:</p>
<p>Als der erste Wecker um sechs Uhr fünfzehn klingelte, war es draußen noch dunkel. August Kämmerlein, der in diesem Moment, aus seinem Traum gerissen, ein wenig zu sich kam, öffnete sein rechtes Auge spaltweit, fixierte das klingelnde Ding, das drei Meter abseits des Bettes stand, entzog seinem Kopf das Kissen und brachte es damit zum Schweigen. „Lärmkiste, dämliche“, brummte er. Draußen regnete es, die Reifen der vorbeifahrenden Autos zogen nasse Spuren in die Ruhe des Morgens. Herr Kämmerlein dachte nicht ans Aufstehen.</p>
<p>Als der zweite Wecker, der auf der Kommode an der gegenüberliegenden Wand des Zimmers stand, um sechs Uhr zwanzig klingelte, und August Kämmerlein weder ein Kissen noch einen so langen Arm zur Verfügung hatte, um dem Ding den Gar auszumachen, riss er sich das Pyjamaoberteil vom Leib, fluchte und schimpfte und schoss den Flanelllappen mit unglaublicher Zielstrebigkeit und Treffsicherheit durchs dunkle Zimmer. Wieder war es ruhig.</p>
<p>Um sechs Uhr dreißig klingelte schließlich der dritte Wecker, der auf einem kleinen, runden Tisch zwei Meter abseits des Bettes in Kopfhöhe stand. Der Tisch, der einmal Servierwagen war, hatte Rollen an den Füßen, und August Kämmerlein hatte mittlerweile eine ungeheure Wut. Er riss das Bettzeug beiseite, schwang sein Bein mit enormem Elan nach hinten, dann gleich wieder nach vorn, vollführte dadurch eine halbseitige Hüftdrehung, die ihn aus dem Bett katapultierte und seinen Fuß pfeilesgleich auf das klingelnde Monster zufahren ließ. Es schepperte heftigst, als Herrn Kämmerleins großer Zeh gegen den Servierwagen prallte, sein nackter Oberkörper zeitverzögert auf dem harten Parkett aufschlug, der Servierwagen von der Wucht des Aufpralls in Fahrt gesetzt wurde, gegen die Stehlampe im Rokoko-Stil krachte, diese daraufhin zu pendeln begann, zu wanken wie ein Kreisel, das Gleichgewicht verlor und schließlich auf den am Boden liegenden August Kämmerlein stürzte.</p>
<p>Zwei Stunden später wurde dieser wieder wach, etwas schwach in den Gliedern und mit schmerzendem Kopf. Die vielen Wecker um ihn tickten friedfertig, schoben ihre Zeiger, als wäre nichts vorgefallen, ein ums andere Mal geschmeidig um die Runden und zeigten eine Zeit, die keine mehr war, weil sie schon längst hinter allem lag, weil sie Herrn Kämmerlein mit dem, dass sie trotz ihrer Unmöglichkeit noch immer da war, verspottete: Es war sechs Uhr dreißig.</p>
<p>Herr Kämmerlein richtete sich auf, brachte die Unordnung im Zimmer in Ordnung und schleppte sich an den Weckern vorbei auf den Flur. Irgendetwas Merkwürdiges war geschehen, er wusste nur nicht mehr was. Er hatte jedoch das unbedingte Bedürfnis, etwas zu erledigen, was er schon lange erledigen wollte. Und heute war der Drang stärker denn je, er musste sich diesem ergeben: Er musste die Zeit aufhalten, die immer gegen ihn lief, sie endlich zum Stillstand bringen. Er würde sich, wenn notwendig, mit aller Kraft an den großen Uhrzeiger hängen und dagegen drücken. Er würde die Sieben mit der Fünf vertauschen, das Ziffernblatt neu definieren, dem Kuckuck kräftig eins überziehen. Er würde alles tun, nur um den Kampf mit der grässlichen Zeit und ihren mickrigen Adjutanten in Form dieser lächerlichen Klingelbeutel aufzunehmen.</p>
<p>Und wie ließ sich die Zeit am besten aufhalten? Kämmerlein wusste, was zu tun war: Er musste die Zeit totschlagen, so dermaßen tot, dass sie sich auch nicht die Spur von einer Sekunde mehr von der Stelle bewegt hätte. Dass ihre Minuten, Stunden, Tage nur mehr lächerliche leere Hülsen verpulverter Munition wären. Dass es sich ausgeschossen hätte – ein für allemal! Das machte Herr Kämmerlein. Er setzte sich in seinen Lesestuhl ans große Fenster und schlug die Zeit tot.</p>
<p>Wenn die Zeit erst einmal totgeschlagen war, überlegte Kämmerlein, gab es nichts mehr zu erledigen, weil sich ohne Zeit nichts mehr erledigen ließ, weil alles Zeit brauchte, ausnahmslos alles. Doch die Zeit war tot, hatte sich verflüchtigt, auflöst und war als transzendentales Wesen wieder auf die Erde zurückgekehrt: als Zeitgeist. Danach strebten dann alle, weil es etwas Magisches hatte, dieses Nichts, das mit untrügerischer Hartnäckigkeit über allem hing und es flächendeckend unter sich beerdigte wie Kämmerleins Flanelllappen den Sechs-Uhr-Zwanzig-Wecker. Die letzte Stunde hatte gerade geschlagen, und bald gab es kein Hier mehr, kein Jetzt, kein Heute und kein Morgen.</p>
<p>Hätte die Zeit zu diesem Zeitpunkt noch tadellos funktioniert, hätte man sagen können, es wäre so ungefähr gegen Mittag gewesen, als es wieder zu regnen begann und Herr Kämmerlein beim Anblick der saftigen Tropfen Hunger und Durst bekam. Er nahm, was sich gerade in Reichweite befand: eine Tafel Ganznussvollmilchschokolade. Mit den Zähnen buhlte er die vollen Ganznüsse aus der zarten Schokolade und verschlang sie gierig, während er durchs Fenster glotzte und dem Nieselregen beim regelmäßigen Nieseln zusah. Als sich die letzte süße Schokoflocke in seinem Mundraum in nichts aufgelöst hatte wie die Zeit nach ihrem Totschlag, nahm er das leere Papier, formte es zu einem Knäuel, öffnete das Fenster und warf es hinaus. Beharrlich zog es seine Bahn nach unten. Vielleicht landete es am Straßenrand, vielleicht fiel es durch einen Kanaldeckel noch tiefer, vielleicht traf es den Kopf irgendeines gelangweilten Passanten. Peng. Kopfnuss durch Ganznussschokoladenpapier. Das saß.</p>
<p>Nach längerem Dasitzen, das zeitlich nicht mehr fassbar und definierbar war, weil Herr Kämmerlein die Zeit ja gerade totschlug, musste er sich eingestehen, dass seine neue Mission etwas Ermüdendes hatte. Er wusste, dass es bald kein Bald mehr gab, auch kein Später oder Danach. Und wenn es kein Danach mehr gab, konnte es gar nicht anders sein, als dass der Vorgang des Zeittotschlagens ewig dauerte. Doch was war schon ewig, wenn kein Gegensatz mehr existierte, kein Zeitlich-Begrenzt, kein Sterblich, kein Ablaufdatum? Herr Kämmerlein machte sich Sorgen.</p>
<p>Als der Regen plötzlich nachließ, wurde er unruhig. Ohne Niesel im Regen war der Tag richtig inhaltslos. August Kämmerlein erschrak bei dieser Feststellung: Welchen Tag meinte er? Wenn es keine Zeit mehr gab, gab es auch keinen Tag und keine Nacht mehr. Es gab keine Zeitzeugen, weil niemand etwas bezeugen konnte, was nicht da war. Keinen Zeitdruck, weil es sich gleich verhielt wie mit Schuhen, die man nicht trug. Keine Zeitbomben, weil nichts, was unaufhörlich tickte, gefährlich sein konnte. Bald würde die Zeit nur mehr Geschichte sein, dachte er. Bald würde nicht einmal mehr eine Zeitlupe ausreichen, um sie zu finden. Dann herrschte Zeitmangel auf der Welt, richtige Zeitnot sogar. Wertvolle Aufzeichnungen würden entstehen, sogenannte Zeitschriften, die das verloren gegangene Phänomen in ihren Einzelheiten beschrieben. Die Zeit würde den Menschen fremd geworden sein. Sie träfen sich nur mehr zufällig, wenn überhaupt. Schliefen nur mehr zufällig, wenn überhaupt. Lebten nur mehr zufällig, wenn überhaupt. Herr Kämmerlein wurde ernsthaft nervös. Er versuchte, sich abzulenken.</p>
<p>Doch es half nichts. Er wusste nicht mehr, was heute Morgen, das es nun nicht mehr gab, was einst, vorher, das es nun auch nicht mehr gab, was eben damals, das kein Damals mehr war, was mit ihm passiert war. Er riss das Fenster auf und steckte seinen Kopf in die gute, frische Regenluft. Er durfte die Zeit nicht totschlagen, wurde ihm plötzlich bewusst. Wenn er so weitermachte, hatte er sie bald vertrieben. Er war ein Zeitvertreiber, und wenn die Welt erst einmal frei von Zeit war, war er, August Kämmerlein, verantwortlich und schuldig für den Anbruch eines neuen Zeitalters, das kein Zeitalter mehr war, sondern, logischerweise, ein Freizeitalter.</p>
<p>Er schloss das Fenster wieder, sprang vom Stuhl und beschloss, die Zeit zu reaktivieren. Er nahm die Wanduhr von der Wand, legte sie auf den Boden und ging eine Stunde im Kreis. „Wie kompliziert das alles ist“, murmelte er, „Zeit vergeht wie Schokolade auf der Zunge. Was bleibt, ist die volle Ganznuss. Das Harte, das Fette, das Ungesunde. Da lob ich mir doch das leicht bekömmliche Niesel! Zap an der Optik vorbei und platsch auf den Boden. Oder gleich auf den Kopf. Dann ohne zap einfach nur platsch. Platsch, platsch, zing: Niesel hat Brillenglas gestreift. Hinterlässt ein Schnürl —“, philosophierte er, als plötzlich das Telefon klingelte.<br />
Er nahm den Hörer ab, „ja, was ist?“, fragte er.<br />
„Nichts“, antwortete die Stimme am anderen Ende.<br />
„Wie nichts?“, fragte Kämmerlein. „Wer ist da?“<br />
„Der Passant ist da“, antwortete die Stimme.<br />
„Welcher Passant?“, fragte Herr Kämmerlein, „Ich kenne keinen.“<br />
„Noch nicht“, sagte die Stimme und lachte, „aber bald!“ „Das Ganznussschokoladenpapier, Sie verstehen? — Wie stellen Sie sich das jetzt vor?“<br />
Herr Kämmerlein war verwirrt. „Wie stelle ich mir was vor?“, fragte er.<br />
Die Stimme: „Na, Sie wissen schon. Ich gehe durch die Straße bei Niesel, plötzlich von oben: peng, zing, patsch.“<br />
– Ruhepause –<br />
Eine Minute wanderte ohne Eile im Kreis. Ein leises Tick, Tack vibrierte um Herrn Kämmerleins Füße. Die Zeit, sie floss wieder! Herrn Kämmerlein fiel ein Stein vom Herzen, beruhigt fragte er: „Oh! Hab ich getroffen?“<br />
„Und wie“, meinte die Stimme, „und wie, die volle Nuss!“<br />
„Gratuliere“, sagte Herr Kämmerlein zu sich, „der Tag scheint sich zu bessern.“<br />
„Und was jetzt?“, fragte die Stimme weiter. „Ich verlange Satisfaktion!“<br />
„Nun gut“, meinte Herr Kämmerlein und überlegte einen Moment: „Sie bekommen Satisfaktion. Der Selbstbehalt ist allerdings abzuziehen. Was halten Sie Ihre doofe Birne auch in meine aerodynamische Ganznussflugbahn.“<br />
„Goldig“, lachte und grunzte die Stimme und fragte: „Wie viel?“<br />
„In zehn Minuten“, antwortete Herr Kämmerlein und jauchzte unwillkürlich auf, er sagte tatsächlich in zehn Minuten, er war wieder im Zeitraum. „Zwei Euro, gleiche Flugbahn. Wetter ist gut. Kein Niesel, keine anderen Objekte. Und vergessen Sie Ihren Helm nicht! Sie wissen ja: zing, peng“, fügte er hinzu und lachte.<br />
„Blödes Arschloch“, sagte die Stimme.</p>
<p>„Sind Sie bereit?“, fragte Herr Kämmerlein. „Die Zeit läuft gegen Sie, ab jetzt!“ Nun war er wieder ganz der alte Kämmerlein – mit dem Zeitdruck im Nacken, der Uhr unterm Kopfkissen und dem Ticken im Ohr. Er fühlte sich wohl.<br />
„Warten Sie noch!“, schrie die Stimme am anderen Ende der Leitung, als Herr Kämmerlein schon auflegen wollte.<br />
„Was ist?“, fragte er.<br />
„Interessiert es Sie nicht, was ich mir von Ihrem Satisfaktionsbetrag kaufe?“<br />
„Nein“, antwortete Herr Kämmerlein, „kein bisschen.“<br />
„Aber ich sag’s Ihnen trotzdem, passen Sie auf: Ich kaufe mir einen Colalutscher. Jawohl! Einen läppischen, hundsgewöhnlichen Kindercolalutscher. Und ich tanze dazu“, sagte die Stimme und lachte.<br />
August Kämmerlein legte auf.</p>
<p>Dann ging er zehn Kreisminuten um die Wanduhr, die am Boden lag. Minute neun, Sekunde fünfzig stürmte er zum Fenster, öffnete es und warf die Münze nach unten. Zing, peng, aua! Treffer! Er rieb sich die Hände, lachte wie das Rumpelstilzchen und hüpfte dazu. Dann setzte er sich von neuem in seinen Stuhl und schaute in den Tag. Das Niesel zelebrierte sich mittlerweile wieder kräftig von oben nach unten. Die Wanduhr, die noch immer am Boden lag, tickte ihm die Füße wund. Er hob sie auf, nestelte am Glas und drehte den großen Zeiger zwei, drei, vier Stunden nach vorn. Er nestelte und drückte und murkste und drehte und plötzlich – zack, tock – knallte etwas gegen die Fensterscheibe.</p>
<p>Erschrocken sprang er aus seiner Trance, wieselte in die hinterste Ecke des Zimmers, kauerte sich zusammen auf die Größe einer reifen Ganznuss und wartete ab. Dann überlegte er: Hatte vielleicht jemand sein Zeitattentat bemerkt? Hatte er es mit aufgebrachten Zeitgenossen zu tun, die vor seinem Fenster Front gegen ihn machten, die sich gegen zeitraubende Maßnahmen zur Wehr setzten? Er wollte mit seiner Aktion doch nur einen Zeitpunkt setzen, auf die Missstände aufmerksam machen, denen er jeden Morgen ausgeliefert war. Natürlich, er war zeitkritisch, das gab er zu. Herrn Kämmerlein kroch die Angst mit einem fiesen Kitzeln über den Rücken. Verstört starrte er zum Fenster. Dann sah er keinen anderen Ausweg mehr und schrie mit voller Stimme durchs geschlossene Fenster: „He, ihr da! Ich weiß, ich war nicht zeitgerecht. Doch ich verspreche euch: Der Zeitausgleich ist schon gemacht und ab jetzt wird alles Zeitliche gesegnet! Hoch und heilig. Hört ihr?“ Doch es rührte sich nichts. Keine Zeitgenossen, keine randalierenden Zeitrafferbanden.</p>
<p>Das Niesel zelebrierte sich in luftig-lustigen Schnürln wie eine Karnevalsverarschung durch sein Wahrnehmungsfeld, der Himmel war grau, die Welt draußen schien friedlich, die Bedrohung vorbei. Langsam kroch Herr Kämmerlein wieder aus seinem Versteck, näherte sich dem Fenster, pirschte sich auf allen Vieren an, als er plötzlich eine merkwürdige Entdeckung machte: Da, da war doch etwas, dieses dunkle Irgendwas, dieses Ding, dieses — Was klebte da an seiner Fensterscheibe? Tickte es? Hatte es einen Zeitzünder? Würde er, August Kämmerlein, gleich ein Stück Zeitgeschichte schreiben. Hatte er es nicht schon längst geschrieben? Oder sie? Er kam näher, zaghaft, er schaute, er zoomte seine Pupillen auf die Größe eines mittleren Fernrohres, er schnüffelte, er roch, und dann erkannte er: Es war, er glaubte seinen Augen kaum, es war — Als der erste Wecker um sechs Uhr fünfzehn klingelte, war es draußen noch dunkel. August Kämmerlein, der in diesem Moment, aus seinem Traum gerissen, ein wenig zu sich kam, öffnete sein rechtes Auge spaltweit, fixierte das klingelnde Ding, das drei Meter abseits des Bettes stand, entzog seinem Kopf das Kissen und brachte es damit zum Schweigen. „Lärmkiste, dämliche“, brummte er. Draußen regnete es, die Reifen der vorbeifahrenden Autos zogen nasse Spuren in die Ruhe des Morgens. Herr Kämmerlein dachte nicht ans Aufstehen.</p>
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		<title>Kleinstadthelden</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/kleinstadthelden/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>eine kleine Geschichte für große Kinder</strong></br>
Irgendwo im Nirgendwo lag, auf zerklüftetem Fels vor tosender Meeresbrandung, das kleine Städtchen Nubiland. „Ein gewöhnlicher Ort“, sagten die einen, weil Nubiland alles hatte, was es zum Stadtsein brauchte: eine Kirche, ein Rathaus, ein Fischerstübchen und viele schöne, kleine Häuschen. „Ein böser Ort“, sagten die anderen, weil in den vielen schönen, kleinen Häuschen, dem Fischerstübchen, dem Rathaus und der Kirche von Nubiland nur eines herrschte: die Gleichgültigkeit. Und so trug es sich zu, dass eines Tages etwas Schreckliches passierte ...
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		<p style="text-align: center;"><strong>eine kleine Geschichte für große Kinder<br />
</strong>Illustrationen: Simone Rossmann / Text &amp; Layout: Sigrid Mölg / © 2005</p>
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		<title>Salon digital</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/salon-digital/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:54 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[Vorbei die Zeit der k.u.k. monarchischen Salons. Monologisierende Leutnant Gustls treffen sich höchstens noch im Chat. Und: Die Ehre ist sowieso dahin. Was soll es also noch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vorbei die Zeit der k.u.k. monarchischen Salons. Monologisierende Leutnant Gustls treffen sich höchstens noch im Chat. Und: Die Ehre ist sowieso dahin. Was soll es also noch.</p>
<p>Die Schusswaffe im müden Duell um Satisfaktion heißt Sprache. Worthülsen knallen über die viel zu niedrigen Hemmschwellen. Im digitalen Raum fühlt sich befreit, wer kann, tanzt alles Walzer. Man beruft sich wieder auf das Fundamentale. Stilistische Reigen unter sprachspielerischen Dekors sind ebenso passé wie pompöse Auftritte reifberockter Satzträger. Man minimalisiert, man rationalisiert, man banalisiert, Interpunktion eine Naturheilmethode aus Japan, Syntax eine neue biologische Waffe. Steht das Prädikat allein im Salon digital und sucht nach seinem Subjekt.</p>
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		<title>Seidemann</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/seidemann/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[In meinem Keller stinkt es nach Verwesung. Vielleicht ist es ein Tier, das durch eine Ritze geschlüpft ist, durch das undichte Fenster, das manchmal aufspringt bei starkem Wind. Wenn der alte Holzrahmen knarrt und ächzt und schließlich mit dumpfem Knall gegen das Gemäuer schlägt, dann weiß ich, dass mein Keller wieder offen ist für jeden, der herein will, dass er dunkle Gestalten anlockt mit seinem modrigen Geruch, den er nach außen schickt.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>In meinem Keller stinkt es nach Verwesung. Vielleicht ist es ein Tier, das durch eine Ritze geschlüpft ist, durch das undichte Fenster, das manchmal aufspringt bei starkem Wind. Wenn der alte Holzrahmen knarrt und ächzt und schließlich mit dumpfem Knall gegen das Gemäuer schlägt, dann weiß ich, dass mein Keller wieder offen ist für jeden, der herein will, dass er dunkle Gestalten anlockt mit seinem modrigen Geruch, den er nach außen schickt.</p>
<p>Ich stehe bewegungslos in einer Ecke des Kellers und schnüffle. Meine Nase folgt dem Verwesungsgeruch, der immer stärker wird. Ich glaube nicht an ein Tier. Der Geruch ist zu intensiv. Plötzlich springt mit einem Klack das Licht aus und es ist dunkel. Ich bewege mich nicht mehr, stehe in meinem Abteil. Durch das Fenster dringt diffuses Grau. Irgendetwas schlägt konstant wie ein großes Uhrenpendel. Vielleicht ist es Wasser, das aus einem undichten Rohr auf ein anderes Rohr tropft. Der Klang ist hohl. Ich hantle mich am Holzgitter, das meine Kellerparzelle von den anderen abtrennt, langsam nach vor, zum Ausgang. Ich schleiche wie jemand, der nicht erwischt werden will. Es ist unheimlich hier, und ich komme nur mühsam voran. Die Kellerabteile, die links und rechts des Flures liegen, sehen aus wie Gefängnisse, die leer stehen. Das Kellergewölbe ist so verwinkelt, dass ich die Wege im Dunkeln noch immer nicht kenne. Und dabei bin ich öfter hier. Krame in den Kisten, die sich mit der Zeit angesammelt haben, das deutsch-französische Wörterbuch in Frakturschrift, die afrikanische Totenmaske, vieles davon gehörte meinem Großvater. Er hat mir die Dinge vererbt, ohne mich über deren Herkunft aufzuklären. Er hat mich mit ihnen allein gelassen. Jetzt liegt es an mir, sie mit Geschichten zu versehen.</p>
<p>Endlich ertasten meine Hände das rauhe Gemäuer. Ich bin am Ende des Flures angelangt, streiche vorsichtig über die unregelmäßigen Mauerwölbungen, berühre ein Kabel, das an der Wand entlang nach oben läuft, verfolge es tastend und erreiche den Lichtschalter. Ich drücke, es klackt und das Licht springt an.</p>
<p>Ich gehe zurück in mein Kellerabteil, setze mich auf eine der Kisten und schlage das Wörterbuch auf. Der Verwesungsgeruch kommt im Minutentakt wieder. Er schwillt an und wieder ab wie langsames Atmen. Ich sehe mich um. Ich muss den Keller nach Eindringlingen durchsuchen. Die Parzelle links neben mir steht leer. Seit Herr Albrecht vor einem halben Jahr plötzlich verschwunden ist, hat niemand mehr die Wohnung bezogen, die zu diesem Kellerabteil gehört. Vielleicht, weil man bis heute nicht weiß, ober er wieder zurückkommt. Die Ullheims aus dem dritten Stock haben vorerst seine Hausmeistertätigkeiten übernommen. „Für die Gemeinschaft“, sagte Frau Ullheim, „damit alles im Rechten bleibt.“ Sie ist eine gebildete Frau und versteht es, mit ihrem diplomatischen Verhalten Grenzen auszureizen. Beliebt war der Albrecht nicht. Eigentlich gab es außer den Ullheims niemanden im Haus, der ihn mochte. Nicht einmal der verrückte Lorenz. Und ich glaube, dass es außer den Ullheims auch niemanden gibt, der sich seine Wiederkehr wünscht, denn der Albrecht war ein richtig ekelhafter Hausmeister.</p>
<p>Mit einem Klack springt das Licht von Neuem aus. Ich sitze immer noch auf Großvaters alter Holzkiste und beschließe, im Dunkeln weiterzuforschen. In der Parzelle rechts neben mir entdecke ich das alte Fahrrad von Frau Emmerlein. Ein Minirad, die Farbe kann ich nicht erkennen. Frau Emmerleins Parzelle ist aufgeräumt. Ein paar Kisten, säuberlich übereinandergestapelt, eine alte Stehlampe, deren Schirm schief hängt und das Fahrrad. Ich entdecke nichts Auffälliges. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Ich kann jetzt bis in die Parzellen auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs sehen. Geradeaus das Abteil des jungen Lorenz. Ein seltsamer Kauz ist er, denke ich. Der hätte gewiss etwas zu verbergen. Doch ich kann nichts entdecken. Ganz im Gegenteil. Ein altes Sofa und in der Ecke ein paar lange Stangen, manche mit Netzen am Ende, manche ohne, könnten Angeln sein und Fischernetze. Dass der Lorenz fischt, hätte ich nicht für möglich gehalten. Vielleicht fängt er damit aber auch Kröten und seziert sie bei lebendigem Leib. Das würde zu ihm passen. In der Ecke des Kellers, rechts neben Lorenz’ Abteil, liegt Herrn Seidemanns Parzelle. Herr Seidemann ist ein alter Mann, Mitte achtzig, der immer sehr streng riecht. Seit seine Frau gestorben ist, vergisst er oft, sich zu waschen. Ich überlege, ob Herrn Seidemanns ungewaschene Kleidung einen derart scharfen Geruch verbreiten könnte, wie er in diesem Keller liegt. Doch noch während ich nach Kleiderständern und abgelegten Stücken Ausschau halte, entdecke ich etwas überaus Eigenartiges. Einen Schatten, der fledermausgleich von Herrn Seidemanns Parzellendecke hängt. Der Körper ist in schweren, dunklen Stoff gewickelt und an den Fußenden mit einem dicken Strick angebunden. Ich glaube nicht an menschengroße Fledermäuse. Doch das, was da vor mir hängt, in der dunkeln Ecke hinter dem Holzgitter, ist einzigartig. Wie hypnotisiert erhebe ich mich von der Kiste und gehe langsam auf die Parzelle zu. Ich schleiche wieder, meine Schritte sind auf dem Stein kaum hörbar. Ich schwebe beinahe, werde von einer unsichtbaren Kraft im Rücken vorwärtsgeschoben, direkt auf Herrn Seidemanns Parzelle zu. Ich halte mir den Jackenärmel vors Gesicht. Der Verwesungsgeruch ist so stark, dass ich nicht mehr atmen kann. Jetzt sehe ich es genau. Etwas Großes baumelt da am Strick, es macht den Eindruck, als hätte es sich vorhin gerade noch bewegt und würde jetzt ausgeistern, als hätte es ein Luftzug in Bewegung gesetzt oder eine unsichtbare Hand. Es ist so groß und massiv, dass ich nicht an ein Tier glaube. Ich fühle mich plötzlich sehr unwohl, möchte davonlaufen, den Flur entlang zur Kellertür und hinaus in die Helligkeit, ins Leben. Doch irgendetwas hält mich davon ab. Vielleicht doch eine unsichtbare Hand. Plötzlich geht das Licht an. Ich springe instinktiv ein Stück zurück und schleiche lautlos wieder in meine Parzelle. Dort setze ich mich hinter eine von Großvaters Kisten und warte ab.</p>
<p>Herr Seidemann kommt mit schweren Schritten den Kellerflur entlang. Seine Schuhe schleifen über den Stein. Er pfeift ein paar Takte vor sich hin, unzusammenhängendes Zeug, geht an meiner Parzelle vorbei und öffnet die Tür zu seinem Abteil. Ich kann kaum erwarten, was jetzt passiert, erhebe mich so weit, dass mein Kopf über die Kiste ragt. Ich sehe Herrn Seidemann, der etwas in der Hand hält. Ein Gefäß aus Glas, das mit einer dunklen Flüssigkeit halb gefüllt ist. Er stellt es auf einen kleinen Tisch, der in einer Ecke steht. „Gleich neben den Toten“, denke ich, doch ich kann ihn nicht mehr entdecken. Ich erhebe mich noch weiter, vielleicht haben sich meine Augen schon so sehr an die Dunkelheit gewöhnt, dass ich im Licht nichts mehr sehen kann, doch da ist nichts. Tatsächlich nichts. Kein Toter, kein Strick, sogar der Verwesungsgeruch scheint plötzlich verschwunden. Herr Seidemann dreht das Glas zwei-, dreimal auf der Tischfläche hin und her. Dann nimmt er es und stellt es auf den Boden. „Albrecht, du mieser Knabe“, murmelt er, „dass du mir nur ja keinen Dreck machst.“ Er spitzt seinen Mund, setzt wieder zu ein paar Pfeiftakten an und verlässt schlürfend sein Abteil und wenig später den Keller.</p>
<p>Ich bin verwirrt. Irgendetwas ist mächtig faul in Herrn Seidemanns Kellerabteil. Ich weiß nur eines: Ich muss mich jetzt beeilen, springe hinter der Kiste hervor, verlasse zügig mein Abteil und laufe ein paar Schritte auf Seidemanns Parzelle zu. Ich muss wissen, was in dem Glas ist. Und ich muss mich beeilen, bevor das Licht wieder ausgeht und ich vor dem Toten stehe.</p>
<p>Herrn Seidemanns Tür ist nicht abgesperrt. Ich reiße sie auf, mache einen großen Schritt auf das Glas zu, kann es mit ausgestrecktem Arm fassen, ziehe es zu mir hoch, rieche daran, das ist Himbeersirup, denke ich, eindeutig, Himbeersirup, und stelle es schnell wieder auf seinen Platz zurück. Plötzlich ein Klacken und es wird dunkel. Wie hypnotisiert stehe ich da, für einen Moment, dann drehe ich mich schnell um, schlage die Holzgittertür hinter mir zu und laufe den Flur entlang zur Ausgangstür. Ich wundere mich, dass ich dort ankomme, ohne zu touchieren.</p>
<p>Ich weiß nicht recht, was ich jetzt machen soll, kann aber auf keinen Fall in meine Wohnung zurückgehen und so tun, als hätte ich nichts gesehen. Ich gehe also ins zweite Stockwerk und klingle an Herrn Seidemanns Tür. Von innen ist ein lauter werdendes Schlürfen zu vernehmen, dann geht die Tür auf.<br />
„Ich grüße Sie“, sagt er und nickt wohlwollend. Er riecht schon wieder sehr streng und ich trete unwillkürlich einen Schritt zurück. „Kommen Sie doch herein.“<br />
„Nein, danke“, sage ich, „ich will nicht stören. Ich wollte mich nur erkundigen, ob Sie in letzter Zeit einmal im Keller waren und den merkwürdigen Geruch dort bemerkt haben. Das ist nicht Moder, es riecht ein bisschen nach etwas Totem.“<br />
„Ach ja, tut es das?“, fragt Herr Seidemann sichtlich erfreut. „Das ist aber schnell gegangen.“<br />
„Ich verstehe nicht“, sage ich zögerlich.<br />
„Natürlich verstehen Sie nicht. Aber ich sag’s Ihnen: Albrecht ist ersoffen!“<br />
„Ach wirklich?“ Ich bin verwundert. „Und wo?“<br />
„In meinem Himbeersirupglas, dieser vermaledeite Banause.“<br />
„Wie soll Herr Albrecht denn in Ihr Himbeersirupglas passen?“, frage ich.<br />
„Der passt da rein. Bis auf den Schwanz hat da alles drin Platz!“<br />
Oh Gott, denke ich, so genau wollte ich es gar nicht wissen.<br />
„Diese Ratte“, faucht Herr Seidemann. „Ich wusste, dass ich den Albrecht mit billigem Himbeersirup drankriegen würde.“<br />
„Albrecht ist eine Ratte?“<br />
„Natürlich ist er eine Ratte. War er eine Ratte“, verbessert sich Seidemann. „Und was für eine, dieser miese Kerl. Hat doch beim Hauseigentümer beantragt, dass ich ausquartiert werde. Ich röche zu streng, behauptete er, das könne man keinem im Haus zumuten.“ Herr Seidemann ist aufgebracht. „Sagen Sie mir: Rieche ich streng?“<br />
Ich bin vor den Kopf gestoßen, sage: „Nein, ich denke nicht.“<br />
„Was heißt, Sie denken nicht?“, bohrt Seidemann weiter. „Das klingt nicht überzeugend.“<br />
„Nein, nein“, sage ich noch einmal, zu mehr bin ich nicht in der Lage, „aber außer der Ratte ist nichts in Ihrem Kellerabteil, das stinken könnte?“<br />
„Warum glauben die Leute bloß immer, dass aller Gestank in diesem Haus von mir ausginge? Es reicht jetzt!“, faucht er, schlürft ein paar Schritte in seine Wohnung zurück, öffnet die erste Tür und verschwindet dahinter.<br />
„Ein Toter vielleicht?“, schreie ich ihm nach. Prompt steckt Herr Seidemann den Kopf wieder durch die Tür und kommt erneut auf mich zu. Er hat seinen Körpergeruch mit Moschus überdeckt. Eine unerträgliche Mischung.<br />
„Ein Toter? Natürlich, ich hab den alten Albrecht doch umgebracht!“, sagt Seidemann amüsiert und grunzt dabei fast vor lachen. „Sie haben mir vielleicht eine Fantasie! Sie sollten sich mit dem Lorenz zusammentun, den werden Sie mögen. Der ist genauso verrückt wie Sie!“ Dann hebt er die Hand zum Gruß und schließt die Tür. Ich höre ihn noch eine Zeit lang lachen, dann ist es leise.</p>
<p>Natürlich kann ich mich damit nicht zufriedengeben. Ich muss noch einmal in den Keller, ob ich nun will oder nicht. Ich gehe in meine Wohnung zurück, hole eine Taschenlampe und mache mich damit wieder auf den Weg nach unten. Die Kellertür knarrt, als ich sie öffne. Ich drehe das Licht nicht an, gehe im Dunkeln weiter, die Holzgitterstäbe werfen bedrohliche Schatten auf den Steinboden, dann erreiche ich meine Parzelle. Ich gehe hinein, schließe die Tür hinter mir. Ich werde hier stehen bleiben, Herrn Seidemanns Parzelle sehe ich gut, dann knipse ich die Taschenlampe aus. Einen Moment lang ist alles um mich dunkel. Nur langsam wird es heller. Ich höre meinen eigenen Atem, noch wage ich nicht, einen Blick in Seidemanns Parzelle zu werfen. Das konstante Klopfen des Wassers, das aus dem defekten Rohr tropft, irritiert mich. „Schau endlich“, sage ich leise zu mir, hebe den Blick, fixiere Seidemanns Parzelle. Meine Augen müssen sich an diese Distanz erst gewöhnen. Ich konzentriere mich auf die Stelle, an der der Tote am Strick baumelte. Doch ich sehe nichts. Keinen Strick, keinen Schatten, nichts. Ich muss doch näher ran, gehe über den Flur auf Seidemanns Abteil zu, öffne die Tür, trete hinein. Plötzlich stoße ich gegen etwas, es klirrt, ich springe zurück, drücke den Knopf der Taschenlampe. Auf dem Boden liegt umgekippt und zerbrochen das Himbeersirupglas. Darin, kopfüber, eine dicke Ratte. Ich habe genug. Ich bin doch die eigentlich Verrückte hier in diesem Haus, nicht der Lorenz, denke ich, der Seidemann hat schon recht. Ein wenig enttäuscht verlasse ich das Abteil, gehe durch den Flur zurück Richtung Ausgang und schließe die Tür hinter mir.</p>
<p>Der Keller ist wieder verlassen, Wasser tropft gleichmäßig aus dem Rohr, der alte Holzrahmen knarrt, ein Schatten huscht aus Frau Emmerleins Abteil und verschwindet in Herrn Seidemanns Parzelle. Es raschelt kurz, dann ist es wieder leise.</p>
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		<title>Liebesbrief</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/liebesbrief/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Malheur du cœur, visuel]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<h4 style="text-align: center;">Malheur du cœur, visuel  <i class="icon-3x icon-circle #fe6c61"><i class="circle-border"></i></i></h4>
<p>&nbsp;</p>
<p><img decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-3197" src="http://www.fein-fein.at/ffnew/wp-content/uploads/2017/01/Liebesbrief_visuell960pxEND.png" alt="Liebesbrief_visuell960pxEND" width="960" height="481" srcset="https://www.fein-fein.at/ff2024/wp-content/uploads/2017/01/Liebesbrief_visuell960pxEND.png 960w, https://www.fein-fein.at/ff2024/wp-content/uploads/2017/01/Liebesbrief_visuell960pxEND-500x251.png 500w, https://www.fein-fein.at/ff2024/wp-content/uploads/2017/01/Liebesbrief_visuell960pxEND-670x335.png 670w, https://www.fein-fein.at/ff2024/wp-content/uploads/2017/01/Liebesbrief_visuell960pxEND-768x385.png 768w, https://www.fein-fein.at/ff2024/wp-content/uploads/2017/01/Liebesbrief_visuell960pxEND-300x150.png 300w" sizes="(max-width: 960px) 100vw, 960px" /></p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Westwärts</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/westwaerts/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>oder: die Liesbeth in deinem Leben</strong></br>
Favell sitzt am Schreibtisch, es ist elf Uhr abends. Sein Gesicht liegt im Dunkeln, während die tief geneigte Tischlampe gelbe Kreise aufs weiße Blatt zeichnet. Dann nimmt er den Bleistift, kritzelt das Datum in die obere rechte Ecke, lässt zwei Leerzeilen folgen und schreibt: Lieber Herr Jonas, ich muss morgen verreisen.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>oder: die Liesbeth in deinem Leben<br />
</strong></p>
<p>Favell sitzt am Schreibtisch, es ist elf Uhr abends. Sein Gesicht liegt im Dunkeln, während die tief geneigte Tischlampe gelbe Kreise aufs weiße Blatt zeichnet. Dann nimmt er den Bleistift, kritzelt das Datum in die obere rechte Ecke, lässt zwei Leerzeilen folgen und schreibt:</p>
<p>Lieber Herr Jonas,</p>
<p>ich muss morgen verreisen. Der Arzt hat es mir dringend empfohlen. Er hat mich, vielmehr, dazu angehalten. Ich weiß nicht, wann ich wiederkommen werde, ob ich wiederkommen kann. Darf ich Sie trotzdem bitten, sich in der Zwischenzeit um meine Pflanzen zu kümmern? Mir ist bewusst, ich verlange viel von Ihnen. Aber ich werde mich erkenntlich zeigen. Ich habe schon alles dafür veranlasst. Ich danke Ihnen vielmals, dass ich mich in dieser Angelegenheit auf Sie verlassen darf! Der Schlüssel liegt dem Kuvert bei, das Prozedere kennen Sie ja.</p>
<p>Herzlichst, Ihr Artur Favell</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Als Jonas am nächsten Morgen die Wohnungstür öffnet, um die Zeitung zu holen, findet er dort, unter der Zeitung liegend, Favells Kuvert. Er liest die Nachricht und wundert sich, dass Favell nicht persönlich bei ihm vorbeigekommen ist, wie er es sonst immer macht. Gleich nach dem Frühstück geht er deshalb über den Flur in Favells Wohnung, um nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Doch er kann nichts Auffälliges entdecken. Die Wohnung ist aufgeräumt, alles steht wie gewohnt an seinem Platz. Die Erde der Pflanzen ist noch feucht. Favell scheint bereits abgereist zu sein, ohne eine Adresse oder Telefonnummer hinterlassen zu haben.</p>
<p>Jonas streift noch eine Weile ziellos durch die Räume des Mannes, wirft einen Blick auf die umfassende Bibliothek, die sich vor seinen Augen ausbreitet. Ein angenehmer, zurückhaltender Mensch ist er, denkt Jonas, der zu viel in alten Büchern liest, seine antiquierte Ausdrucksweise ist nicht verwunderlich. Dann entdeckt Jonas auf dem Schreibtisch ein Blatt Papier, der benutzte Bleistift liegt demonstrativ noch quer darüber. Das Blatt ist akribisch beschrieben, ohne Platz zu verschwenden. Er betrachtet es eine Weile zögernd, dann nimmt er es und beginnt zu lesen:</p>
<p>Meine liebe Liesbeth, nein, das trifft es nicht: Meine geliebte Liesbeth, so muss ich beginnen.<br />
Meine über alles geliebte Liesbeth! Findest du das schon zu viel?</p>
<p>Ich schreibe dir heute, weil mir nichts anderes mehr übrig bleibt. Weil die wenigen Worte, die ich nun sorgsam und überlegt aneinanderzureihen gedenke, die einzige Möglichkeit sind, dir zu sagen, dass ich dich noch immer liebe. Dass ich nie aufgehört habe damit. Dass es keinen Tag, manchmal sogar keine Stunde, keine Minute gegeben hat, in all den Jahren, in der du nicht bei mir warst. In der ich mein Leben nicht mit dir geteilt habe, ob ich es nun wollte oder nicht. Du hast mich besiedelt, Liesbeth, weißt du das? Wie einen verlassenen Landstreifen, der niemandem gehört, hast du über mich verfügt, ganz nach Laune. Und wenn du nun sagst, es ist nicht richtig, dir das vorzuwerfen, du hättest dich nie in mein Leben gedrängt, dann werde ich dir antworten: Aber das ist kein Vorwurf, Liesbeth, es ist alles, nur das nicht! Und ja, es ist leider wahr, du hast dich nie in mein Leben gedrängt. Ganz im Gegenteil, du hast es gemieden, so weit es nur ging, warst geschickt darin, es auf abenteuerlichste Weise zu umgehen. Nur aus der Ferne hat mich ab und zu ein Gruß oder soll ich besser sagen eine Gemütsregung von dir erreicht, die mich vermuten ließ, dass auch dir meine Abwesenheit missfällt. Ich mache dir keinen Vorwurf, Liesbeth, danach ist mir nicht, aber ich möchte versuchen, dir zu erklären, wie es sich anfühlt in mir, was du dort ausgelöst hast. Da ist, ich schreibe es nun ohne Umschweife nieder, da ist Liebe, tiefe, allumfassende, immerwährende Liebe, ich bin voll davon. Verstehst du, Liesbeth, ich bin erfüllt von Liebe! Die auf nichts baut, die sich keine Berechtigung erkämpfen musste, die einfach nur da ist und dir gilt! Ist das nicht wunderbar?</p>
<p>Nein, das ist nicht wunderbar, höre ich dich nun sagen. Das ist ganz und gar nicht wunderbar, weil es dich bedrängt, weil dir der Gedanke daran regelrecht Angst macht. Und zudem überrascht es dich. Aber warum? Weil du mir solche Gefühle nicht zugetraut hättest? Weil dich die Klarheit dieser Worte verwirrt? Ich gebe zu, ich war nie gut darin, dir wirklich zu sagen, was in mir vorging. Vielleicht habe ich manchmal auch den Eindruck erweckt, es würde mir wenig an dir liegen. Nur, Liesbeth, das konntest du doch nicht wirklich annehmen? Nach allem, was geschehen ist? Ich habe dich glühend verehrt, mehr als das, ich war dir ganz und gar zugetan! Ich konnte mir keinen Tag vorstellen, der nicht mit dir beginnen, und keinen Abend, der ohne dich enden würde. Du warst immer bei mir, ich habe dich mitgetragen durch jeden einzelnen Atemzug in all den Jahren. Du warst meine Leidenschaft, mein Motor, du hast mich am Leben gehalten. Du warst das Leben, Liesbeth! Du! Ich hätte mir alles mit dir vorstellen können. Verstehst du? Alles! Ich hätte alles für dich getan, wir wären frei gewesen, wild und uneinsichtig. Wir wären das Abenteuer gewesen, wir zwei, du und ich, Liesbeth! Du und ich.</p>
<p>Jetzt kommt der Frühling, wieder ein neuer, einer von vielen. Ich höre die Vögel zwitschern, die Tauben sitzen schon vor meinem Fenster, und ich warte darauf, dass die Bäume wieder Blätter werfen. Aber ich bin müde geworden. Ich habe die Kraft und Lust verloren, nach dir zu rufen. Mich nach dir zu sehnen. Nicht einmal dazu bin ich noch in der Lage. Letzten Winter habe ich sogar begonnen, dich ein wenig zu verachten. Ja, du liest richtig. Ich habe begonnen, dich zu verachten. Für deine Hartnäckigkeit und Uneinsichtigkeit, dich deinen Gefühlen zu stellen. Dafür, dass du mich mit hineinziehen musstest in dieses Unglück. Und ein wenig auch dafür, dass du mit deiner Existenz überhaupt in mein Leben getreten bist. So unbedacht.</p>
<p>Und trotzdem: Jeder Frühling, der sich ankündigt, gibt mir wieder Hoffnung. Sie ist lächerlich geworden mittlerweile, diese letal wirkende Hoffnung, ich weiß, aber ein Liebender verliert sie nie, wie absurd sie auch sein mag. Ein Liebender ist abhängig von ihr und von dem Gedanken, dass sich Gefühle ändern können, in welche Richtung auch immer. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, Liesbeth, dass du irgendwann doch in der Lage sein würdest, mir wieder zu begegnen. Dass du aufhören würdest, vor mir davonzulaufen. Ein wenig habe ich auch gehofft, dass ich dich vergessen könnte. Mit jedem neuen Frühling, der kam. Aber es ist aussichtslos.</p>
<p>Ich fahre nun weg, Liesbeth, ich weiß nicht, wann ich wiederkomme. Ich muss in den Westen. So weit es nur geht. Wenn ich immer westwärts fahre, werde ich irgendwann wieder hier ankommen. Aber das kann dauern. Vielleicht bist du mir bis dahin wirklich gleichgültig geworden, Liesbeth, wer weiß. Es soll ja auch Wunder geben.</p>
<p>Du kannst mir schreiben in der Zwischenzeit, wenn du möchtest. Wenn du mir noch etwas zu sagen hast. Und du kannst dich frei bewegen, ohne Angst, mir über den Weg zu laufen. Ich werde weit weg sein von dir, unsere Tage werden sich bestimmt nicht kreuzen. Du hast lediglich die Gewissheit, dass ich noch auf diesem Planeten bin, auf demselben wie du. Schreib mir einfach an die bekannte Adresse. Irgendwann werde ich deinen Brief lesen. Es hat ja keine Eile, Liesbeth, mein ganzes Leben lang warte ich schon auf Antwort von dir. Die Zeit ist inzwischen nebensächlich geworden.</p>
<p>Somit möchte ich nun schließen. Pass gut auf dich auf, meine liebste, schönste Liesbeth, und sei dir gewiss, dass ich dich immer mittrage in meinem Herzen, wohin ich auch gehe.</p>
<p>Ich küsse dich innigst, dein Artur</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Jonas legt das Blatt beiseite, ohne Luft zu holen hat er es durchgelesen, und schüttelt unwillkürlich den Kopf. Er ist eigentümlich berührt von diesen Zeilen, die er Favell nicht zugetraut hätte. Ein so verschlossener Mensch wie er, der immer allein zu sein schien. Nie hat er eine Frau bei Favell ein oder aus gehen sehen, nie hat er mitbekommen, dass es jemanden in seinem Leben gegeben hätte. Und er wohnt nun seit fast 20 Jahren hier, auf der anderen Seite des Flures. Ein wenig tut ihm Favell nun leid. Auch der Umstand, dass er den Brief einfach hier liegen lassen und sich davon gemacht hat, ist merkwürdig. Jonas nimmt das Blatt noch einmal in die Hand, wendet es und entdeckt auf der Rückseite, ganz unten in eine Ecke gekritzelt, eine Adresse. Liesbeths Adresse. Sie wohnt in derselben Straße, zwei Häuserblocks weiter. Jonas ist unschlüssig, was er nun machen soll.</p>
<p>Ein paar Tage vergehen, immer wieder kehrt Jonas in die Wohnung zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Immer wieder bleibt er am Schreibtisch stehen und betrachtet den Brief. Dann beschließt er endlich, ihn Liesbeth zu bringen. Jemand, der so glühend liebt, wie Favell es macht, darf nicht ungehört bleiben. Er müsse ihm helfen, denkt er, in dieser Situation, die Favell alleine scheinbar nicht zu bewältigen weiß. Schließlich wird es auch einen Grund dafür geben, warum er den Brief hier liegen gelassen hat, warum Jonas ihn finden musste. Er nimmt also das Blatt, faltet es und steckt es in seine Jackentasche. Dann macht er sich auf den Weg zu Liesbeth.</p>
<p>Die Eingangstür des Hauses steht offen, er steigt die wenigen Stufen bis ins erste Stockwerk hinauf, bleibt einen Moment vor Liesbeths Tür stehen, richtet sich irgendwie zurecht, atmet zweimal tief durch und klingelt.</p>
<p>Schritte nähern sich von innen, ja bitte, sagt eine Stimme, während die Tür bereits geöffnet wird. Eine attraktive, brünette Frau, deutlich jünger als Favell, öffnet die Tür. Ja bitte, sagt sie noch einmal.</p>
<p>Entschuldigen Sie, sagt Jonas etwas zögerlich, sind Sie Liesbeth?</p>
<p>Ja, die bin ich, sagt die Frau, nicht weniger zögerlich.</p>
<p>Ich habe hier einen Brief für Sie, sagt er. Ich bringe ihn persönlich, weil ich sicher gehen wollte, dass er auch ankommt. Er holt das Papier aus seiner Jackentasche und streckt es Liesbeth hin.</p>
<p>Sie nimmt es, faltet es auf, einen Brief, fragt sie, von wem ist er, und beginnt schon zu lesen.</p>
<p>Von Artur Favell, sagt Jonas.</p>
<p>Liesbeth nickt unschlüssig, überfliegt die Zeilen, ihre Augen wandern unruhig von links nach rechts. Sie dreht ihren Kopf leicht zur Seite, fixiert das Blatt, liest dann wieder weiter, hält inne, atmet tief durch.</p>
<p>Jonas schaut sie erwartungsvoll an. Und?, fragt er.</p>
<p>Aber, sagt Liesbeth, wer ist das? Ich kenne ihn nicht.</p>
<p>Wie bitte?, fragt Jonas verdutzt.</p>
<p>Ich kenne diesen Herren nicht. Ich kenne keinen Artur Favell. Wie kommen Sie darauf, dass dieser Brief für mich sein soll?</p>
<p>Weil, Jonas greift nach dem Blatt in Liesbeths Hand und wendet es, weil das doch Ihre Adresse ist, die da unten steht, oder habe ich mich geirrt?</p>
<p>Nein, sagt Liesbeth, Sie haben sich nicht geirrt, das ist meine Adresse.</p>
<p>Nun eben, sagt Jonas, scheint dieser Brief auch für Sie zu sein.</p>
<p>Aber ich kann nichts damit anfangen, sagt Liesbeth. Dieser Herr ist mir fremd. Das, was er schreibt, ist mir fremd.</p>
<p>Das kann nicht sein, sagt Jonas. Überlegen Sie doch noch einmal ganz genau! Sie müssen Herrn Favell doch kennen. Er wohnt zwei Häuserblocks weiter, Lindengasse 13, ein älterer, angenehmer Herr, sehr gebildet. Eine adrette Erscheinung. Fällt Ihnen nichts dazu ein?</p>
<p>Liesbeth überlegt. Sie überlegt wirklich und angestrengt, sie möchte nicht oberflächlich wirken. Zudem wäre es ja möglich, dass sie Favell einmal kennengelernt, danach aber einfach wieder vergessen hat. Und das möchte sie nun auch nicht, leichtsinnig mit dieser Situation umgehen. Aber so sehr sie sich auch anstrengt, ihr fällt nichts dazu ein. Rein gar nichts.</p>
<p>Ich kenne ihn nicht, tut mir leid, ganz ausgeschlossen, sagt sie schließlich, ich habe noch nie von diesem Menschen gehört.</p>
<p>Jonas ist ratlos. Was machen wir denn jetzt?, fragt er.</p>
<p>Nichts, sagt Liesbeth, was sollen wir machen? Nehmen Sie den Brief bitte wieder mit und geben Sie ihn dem Herrn zurück.</p>
<p>Das geht nicht, sagt Jonas, er ist verreist, er verlässt sich darauf, dass ich den Brief zustelle.</p>
<p>Nun gut, sagt Liesbeth, dann weiß ich auch nicht. Gibt es denn keine andere Liesbeth, die Sie kennen und der Sie diesen Brief geben könnten? Eine, die sich darüber freut?</p>
<p>Also Sie haben ja Ideen, sagt Jonas, ich kann doch nicht einfach eine andere Liesbeth mit Herrn Favells Liebe beglücken. Sie handeln mit der Liebe ja wie mit einem Kleidungsstück. Und zudem, was glauben Sie, wie viele Liesbeths es in meinem und vor allem auch in Herrn Favells Leben wohl gibt?</p>
<p>Ich weiß es nicht, sagt Liesbeth, ich kann Ihnen in dieser Angelegenheit auf jeden Fall nicht weiterhelfen. Ich bin nicht die Liesbeth, die Sie suchen, verstehen Sie?</p>
<p>Jonas wird ungeduldig. Wissen Sie, ich glaube, Sie sagen mir nicht die Wahrheit. Sie müssen mir hier nichts vormachen. Ich bin lediglich der Nachbar, der diesen Brief für Herrn Favell aushändigt. Und es ist mir ganz egal, was zwischen Ihnen und Favell vorgefallen ist, Sie müssen mir hier keine Rechenschaft ablegen. Ich bitte Sie nur, diesen Brief an sich zu nehmen und ihn mit Respekt zu behandeln.</p>
<p>Und wissen Sie, was ich glaube, sagt Liesbeth: Sie wollen mich einfach nicht verstehen. Ich mache Ihnen nichts vor, ich sage Ihnen noch einmal: Ich kenne diesen Menschen nicht, überhaupt nicht! Er sagt mir nichts, nicht das Geringste. Er, sein Name und seine Gefühle. Dieses Individuum ist einfach nur eine Hülle für mich, nicht existent. Eine Hülle, mit einem Namen und einer Adresse versehen, mehr nicht. Ich weiß nicht, wovon er spricht, wovon er schreibt, mir ist das alles ganz furchtbar fremd, so fremd, dass ich, und jetzt passen Sie auf, ich wollte es für mich behalten, aber wenn Sie schon so hartnäckig sind, dann sage ich es jetzt auch, dass ich regelrecht unberührt von seinen liebestriefenden, gefühlsüberquellenden Zeilen bin. Ich bin gänzlich unberührt davon. Sie lösen nichts in mir aus, gar nichts. Da ist einfach nichts! Und es ist herrlich, so überaus herrlich! Ich muss mich nicht damit auseinandersetzen, ich habe mit alledem nicht das Geringste zu tun! Wissen Sie, wie befreiend sich das im Moment gerade anfühlt? Es fühlt sich so unglaublich gut an, dass ich absolut nichts zu dieser Liebe beizutragen habe, ja beitragen kann!</p>
<p>Sehr gut, wunderbar, fabelhaft, sagt Jonas, jetzt wundert mich gar nichts mehr! Jetzt wundern mich Herrn Favells Zeilen noch weniger als vorher! Sie sind eine emotionslose Person, Sie haben ihn zugrundegerichtet und es ist nur zu verständlich, dass er Schaden daran genommen hat. Sie hätten ihm das nicht antun dürfen, wissen Sie das? Stellen Sie sich vor, man würde das mit Ihnen machen. Sind Sie denn überhaupt in der Lage, sich in eine solche Situation hineinzuversetzen? Oder gehen Sie immer so unbedacht durchs Leben? Sie rollen ja wie ein Stein durchs Gefühlsleben ihrer Mitmenschen, erstaunlich ist das!</p>
<p>Oh, ich habe es hier wohl mit einem glühenden Verfechter der aufopfernden Liebe zu tun. Mit einem durch und durch guten Menschen, der seinem alternden Nachbarn noch einmal zu einer kleinen Freude im Leben verhelfen will, sagt Liesbeth angefressen. Ich finde das äußerst nett von Ihnen, unglaublich nett sogar, glauben Sie mir, nur, lassen Sie mich in Ruhe damit! Wie komme ich dazu, mich um Ihren Nachbarn kümmern zu müssen? Ich bin nicht vom Pflegepersonal, Ihr Nachbar interessiert mich nicht! Glauben Sie denn, ich hätte nichts in meinem Leben zu bewältigen? Glauben Sie, Ihr Nachbar ist der Einzige, dem es so geht? Der sich nach etwas verzehrt, das er nicht erreicht hat? Das er vielleicht deshalb nicht erreicht hat, weil er maßgeblich an dessen Scheitern beteiligt war? Und jetzt steigert er sich in etwas hinein, das nicht vorhanden ist, das nie der Wahrheit entsprochen hat. Jetzt konstruiert er sich etwas, um mit seinen Schuldgefühlen und dem eigenen Versagen besser fertigzuwerden. Ihrem liebenswerten Nachbarn ist, offensichtlicherweise, die Realität abhandengekommen. Und zwar ganz und gar! Und Sie verteidigen ihn noch! Sie glauben ihm mehr als mir. Und dabei frage ich Sie: Wie gut kennen Sie ihn denn? Sie, der Sie sich so aufopfernd für ihn einsetzen? Haben Sie sich jemals eingehender mit ihm auseinandergesetzt? Haben Sie Zeit mit ihm verbracht? Haben Sie womöglich nur ein schlechtes Gewissen, dass Sie das nie getan haben? Und jetzt, da Sie erkannt haben, wie einsam er ist in seinem Leben, versuchen Sie, etwas zu retten, was schon längst nicht mehr zu retten ist!</p>
<p>Was nun, wenn ich die Wahrheit sage? Wenn ich diesen Mann nie kennengelernt habe, wenn er mich vielleicht irgendwann einmal gesehen, aber nie angesprochen hat? Könnte doch sein? Wenn er sich über die Jahre einfach nur eine Fantasie zurechtgerichtet hat, um ein wenig Abwechslung in sein gleichförmiges Leben zu bringen? Was ist, wenn es sich so zugetragen hat? Denken Sie doch einmal über diese Option nach. Und glauben Sie mir, ich habe meine eigenen Liesbeths, mit denen ich im Leben fertig werden muss. Jeder hat irgendwelche Liesbeths in seinem Leben! Es gibt mehr als genug davon, mehr, als Sie sich vorstellen können. Und das sage ich Ihnen. Ich als Liesbeth sage Ihnen das. Kümmern Sie sich um Ihre eigenen Liesbeths, ich kümmere mich um meine. Und nun lassen Sie mich in Ruhe damit, ich habe zu tun, sagt sie und wirft Jonas die Tür vor der Nase zu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zwei Tage später denkt Jonas noch immer über den Vorfall nach. Ein wenig ärgert er sich darüber, ein wenig ist er auch verunsichert, wem er nun glauben soll. Dieser cholerischen, emotionslosen Person namens Liesbeth oder seinem geistig womöglich etwas umnachteten Nachbarn. Letztendlich, denkt Jonas, ist es doch gleichgültig, wem ich glaube. Letztendlich geht es nicht darum, wie es sich in Wirklichkeit zugetragen hat. Ob Favell Liesbeth jemals kennengelernt oder einfach nur heimlich und glühend für sie geschwärmt hat, sein ganzes Leben lang. Denn in einem Punkt hatte die Frau wohl recht: Jeder hat eine Liesbeth in seinem Leben, ganz ausnahmslos jeder.</p>
<p>Jonas nimmt also den Brief, geht in Favells Wohnung, setzt sich an dessen Schreibtisch, ein Blatt Papier zurechtgerichtet, und macht das, was Favell in dieser Situation wohl erwartet hätte: Er verfasst eine Antwort. So schwer kann das doch nicht sein, überlegt er, und beginnt schließlich zu schreiben:</p>
<p>Lieber, lieber Artur,<br />
ich habe deinen Brief erhalten. Dein Nachbar war so nett, ihn mir zu geben. Er meinte, es läge in deinem Interesse, dass ich diese Zeilen lese. Wie sehr ich mich darüber gefreut habe. Wie wenig ich damit gerechnet habe, nach all den Jahren! Glaube mir, Liebster, darf ich dich so nennen? Ich mache es nun einfach, weil mir danach ist, glaube mir, Liebster, sie trafen mich ganz und gar unerwartet.</p>
<p>Die Liebe nämlich, geschätzter Artur, die Liebe ist ein Kleidungsstück, das man jemandem überstreift und irgendwann wieder von diesem Jemand abzieht, um es an anderer Stelle von Neuem anzupassen. Manchmal passt es wie angegossen, vom ersten Augenblick an, während es ein anderes Mal einfach nicht recht sitzen will, so sehr man auch daran zieht und zupft. Obwohl es doch nicht am Kleidungsstück liegen kann, denn das verändert sich ja nie, es bleibt immer gleich. Verstehst du, was ich meine? Aber was schreibe ich denn da eigentlich.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Stell dir vor</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/stell-dir-vor/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Stell dir vor, wie es wäre, wenn plötzlich alles verkehrt rum hängen und stehen würde. Verkehrt rum nicht im Sinne von verkehrt rum, sondern wirklich anders: Die Uhr hinge nicht mehr an der Wand, sondern die Wand an der Uhr, ...]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Stell dir vor, wie es wäre, wenn plötzlich alles verkehrt rum hängen und stehen würde. Verkehrt rum nicht im Sinne von verkehrt rum, sondern wirklich anders: Die Uhr hinge nicht mehr an der Wand, sondern die Wand an der Uhr, die Vase stünde nicht mehr auf dem Tisch, sondern der Tisch läge unter der Vase, der Ring steckte nicht mehr am Finger, sondern der Finger im Ring. Stell dir vor, wie es wäre, wenn plötzlich alles verkehrt rum hängen würde. Ich nicht mehr an dir, sondern du an mir. Stell es dir vor und nun versuch es. Ist doch gar nicht so schwierig.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sonntags einmal um den Block</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/sonntags-einmal-um-den-block/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Elfriede heißt die Frau aus dem zweiten Stock. Sie trägt gerade den Müll raus. Anna sitzt hinter der Gardine und sieht ihr dabei zu. Jetzt bleibt Elfriede an der Tonne stehen, hebt den Deckel und schaut hinein. Dann stellt sie ihre Mülltüte beiseite und greift mit einer Hand in die Tonne. Langsam verschwindet ihr Oberkörper darin, bis zur Taille hängt sie nun in der dunklen Öffnung. Der weite Rock rutscht ihr über die Knöchel, die Waden, als plötzlich das Telefon läutet.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">Elfriede heißt die Frau aus dem zweiten Stock. Sie trägt gerade den Müll raus. Anna sitzt hinter der Gardine und sieht ihr dabei zu. Jetzt bleibt Elfriede an der Tonne stehen, hebt den Deckel und schaut hinein. Dann stellt sie ihre Mülltüte beiseite und greift mit einer Hand in die Tonne. Langsam verschwindet ihr Oberkörper darin, bis zur Taille hängt sie nun in der dunklen Öffnung. Der weite Rock rutscht ihr über die Knöchel, die Waden, als plötzlich das Telefon läutet. Anna muss mich entscheiden. Elfriede oder Telefon. Sie entscheidet sich für das Telefon.</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">Erna ist dran. Aus dem ersten Stock. „Du, schau mal aus dem Fenster“, sagt sie, „die Elfriede hängt bis zur Taille in der Mülltonne. Was die wohl sucht?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ich weiß“, sagt Anna, „keine Ahnung, was sie sucht. Vielleicht ist ihr was reingefallen?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Das glaub ich nicht“, sagt Erna, „ich sitz jetzt schon seit zehn Minuten hier am Fenster und die Elfriede ist erst vor einer Minute aus dem Haus gekommen und ganz entschlossen auf die Mülltonne zugesteuert. Hat nicht ausgesehen, als wär ihr was reingefallen. Merkwürdige Person.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja, sehr merkwürdig. Was macht sie denn jetzt?“, fragt Anna. Dummerweise kann sie nichts mehr sehen. Sie steht ja im Flur am Telefon. Festnetz, wohlgemerkt. „Ist sie noch drin?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Jaja“, sagt Erna, „ist sie. Unverändert. Oder fast ein bisschen weiter als vorhin. Du, ich sag’s dir, die rutscht bald ganz in die Tonne, wenn das so weitergeht. Stell dir das mal vor! Die Elfriede in der Tonne vor unserem Haus!“ Erna kichert. „Und dann kommt die Müllabfuhr und holt die Elfriede. Und keiner merkt, dass sie nicht in die Tonne gehört. Weil ja sowieso niemand Müll trennt. Die Elfriede nicht und du nicht und ich auch nicht.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Na ja, Erna, theoretisch wär’s schon möglich, dass sie mitgenommen würde“, sagt Anna. „Aber heute ist doch erst Montag, oder?“ „Ja, wieso?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Weil sie dann ja noch bis freitags unbemerkt in der Tonne stecken müsste, bis sie mitgenommen würde. Und das ist lang.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Bis freitags in der Tonne“, überlegt Erna, „das ist wirklich lang. Bist du sicher, dass die Müllabfuhr erst freitags kommt?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Natürlich bin ich sicher“, sagt Anna, „die kommt immer freitags und ist immer freitags gekommen.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Na ja, immer“, sagt Erna, „was heißt das, immer. Ich bin mir sicher, als Ulrich noch lebte, da ist die Müllabfuhr nicht freitags gekommen. Da ist sie vielleicht schon mittwochs gekommen. Und das wäre besser für die Elfriede. Dann müsste sie nicht so lange in der Tonne stecken.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Woher willst du denn wissen, dass die Müllabfuhr zu Ulrichs Zeiten am Mittwoch gekommen ist? Das kann jetzt stimmen oder auch nicht. Da könnte sie ja genauso gut dienstags oder donnerstags gekommen sein. Oder montags.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Oh weia, montags“, sagt Erna, „da wäre sie ja schon da gewesen. Und hätte die Elfriede ganz vergessen.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„So gesehen“, sagt Anna, „stimmt. Aber vielleicht war die Elfriede ja schon in der Tonne, als die Müllabfuhr gekommen ist. Und die hat sie nun auch schon mitgenommen. Und das, was wir jetzt sehen, ist bloß eine Zeitverzögerung.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Wie“, fragt Erna, „das versteh ich jetzt nicht. Du meinst, die Elfriede hat tatsächlich schon in der Tonne gesteckt, als die Müllabfuhr gekommen ist? Und die haben sie auch mitgenommen? Und jetzt steckt sie nicht mehr in der Tonne und die Müllabfuhr kommt auch erst wieder in einer Woche, nur wir sehen das nicht?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja, genau“, sagt Anna. „Wär’ doch möglich. Wir sehen es halt nicht. Die Tonne ist leer, Elfriede pro forma, für uns, noch mal aus dem Haus gegangen, mit Mülltüte. Aber eigentlich ist sie schon weg. Entsorgt.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Aha“, sagt Erna, „da hast du gar nicht so Unrecht. Das könnte tatsächlich sein. Aber was nun, wenn die Müllabfuhr zu Ulrichs Zeiten nicht montags, sondern doch erst mittwochs gekommen ist? Dann würde die Elfriede jetzt schon in der Tonne stecken und möglicherweise könnten wir sie dann noch gar nicht sehen, weil ja die Zeitverzögerung dazukäme und die Elfriede somit erst dienstagnachmittags oder gar erst mittwochmorgens zu sehen wäre. In der Tonne.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Tja, das stimmt nun auch wieder“, sagt Anna, „bist du dir denn sicher, dass die Müllabfuhr zu Ulrichs Zeiten montags gekommen ist? Ich mein, das müsste dann doch einer der Elfriede sagen, damit sie nicht zu spät aus dem Haus geht!“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Nein, nein, nein. Ich bin mir eben nicht sicher, ob es nun montags oder dienstags oder gar mittwochs gewesen ist“, sagt Erna. „Ich könnte aber Herrn Gärtner aus dem vierten fragen. Der müsste das wissen.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Warum soll Herr Gärtner wissen, wann zu Ulrichs Zeiten die Müllabfuhr gekommen ist? Der ist doch erst lange nach Ulrichs Tod eingezogen.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja ja, das schon“, sagt Erna, „aber der ist mindestens gleich alt wie Ulrich. Wenn nicht älter. Und da müsste er theoretisch doch wissen, wann die Müllabfuhr gekommen ist. Zu Ulrichs Zeiten.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Na ja, ich weiß nicht“, sagt Anna, „den Gärtner finde ich nicht gerade sympathisch. Der hatte doch mal eine Liaison mit der Frau Dings aus dem Nachbarshaus. Die ist ständig hier aufgekreuzt. Jeden Tag um vierzehn Uhr hat sie bei ihm geklingelt. Pünktlichst.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja, ich weiß“, sagt Erna, „um 13.55 Uhr hat sie ihr Haus verlassen, jeden Tag, und ist über die Straße stolziert. Dieses aufgedonnerte Weib. Das wussten ja alle hier. Die Helbigs von gegenüber und die Adams aus dem zweiten. Und der Herr Gärtner hat auch keinen Hehl daraus gemacht. Unglaublich, in seinem Alter.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja, unglaublich“, sagt Anna. „Der hätte sich mit dem Ulrich nicht vertragen. Wenn die beiden sich gekannt hätten, das wäre nicht gut gegangen. Der Ulrich so ein anständiger Mensch. Und der Herr Gärtner …“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja, da hast du Recht. Der Ulrich war ein sehr vornehmer Mensch, sehr vornehm. Oder altmodisch, kann man auch sagen. Vielleicht war er einfach nur altmodisch. Und ich glaube jetzt fast, mich erinnern zu können, dass die Müllabfuhr erst sonntags gekommen ist. Zu Ulrichs Zeiten“, sagt Erna plötzlich.</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Sonntags? Warum denn jetzt ausgerechnet sonntags?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Na, weil ich Ulrich öfter mal sonntagvormittags mit Mülltüte im Treppenhaus begegnet bin, wenn ich von meinem Morgenspaziergang kam.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Und du bist nur sonntags spaziert?“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Ja, nur sonntags“, sagt Erna, „weil sonntags um den Block nichts los war. Sonntag war der ideale Tag für einmal um den Block. Alle waren auswärts. Die Familien mit den Kindern, die jungen Menschen, die Liebespaare. Nur ich war hier. Und der Ulrich. Ja, es war sonntags. Die Müllabfuhr ist sonntags gekommen.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Das würde ja für die Elfriede bedeuten, dass sie es möglicherweise auf die gestrige Müllabfuhr noch geschafft hat, wenn sie früh genug gekommen ist“, sagt Anna.</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Möglicherweise“, sagt Erna, „ich glaube fast.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Das ist gut, sehr gut. Aber eines ist doch komisch daran.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Was denn?“, fragt Erna.</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Die Müllabfuhr kommt normalerweise doch nie sonntags.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Na ja“, meint Erna, „da hast du schon Recht. Es ist natürlich Sonntag gewesen wie heute Montag ist. Und ich bin dem Ulrich begegnet mit Mülltüte, als ich vom Spaziergang kam, aber mit der ganzen Zeitverschiebung, man weiß ja nie, kann’s theoretisch natürlich auch freitags oder samstags gewesen sein.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Aha“, sagt Anna, „das leuchtet mir ein. Dann stehen die Chancen ja wirklich sehr gut für die Elfriede.“</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">„Jaja, ausgezeichnet“, sagt Erna.</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">Anna verabschiedet sich, legt den Hörer auf und geht durch den Flur und das Wohnzimmer wieder an ihren Platz am Fenster zurück.</p>
<p lang="de-DE" style="text-align: left;" align="JUSTIFY">Die Mülltonne draußen ist leer, der Deckel offen. Und von der anderen Straßenseite kommt Herr Habermann mit seinem Dackel des Weges. Plötzlich ein Auto von links, die Reifen quietschen, Herr Habermann springt gerade noch zur Seite, der Dackel jault. Der Dackel jaulte, hatte gejault, man hatte ihn jaulen hören, klar und deutlich, und der Habermann hatte mitgejault, nicht weniger klar und deutlich, als erneut das Telefon klingelt.</p>
<hr class="symple-spacing " />
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
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		<title>Der Gang durch den Rosengarten</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/der-gang-durch-den-rosengarten/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Rosen blühten. Laue Luft schmiegte sich über die laute Stadt. Und zwischen Stein blühten Rosen. Und rote Rosenblüten lagen auf grauem Rasen. Dann Elis, der zwischen rasenden Autos sich schlängelnd bewegte. Mit dichtem Blick in die Welt geblickt, die für ihn nicht war. Für ihn war nur Eliswelt, Elis-im-Wunderland-Welt, er allein in seiner weiten Kopflandschaft. Er übersah und hinterging mich. Ich kreuzte und querte Mandelsteins Weg. Dieser in Schlenderstiefeln. Mandelstein war einer, der immer zu spät kam. Und doch bestrafte ihn das Leben nie.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>oder: Weil ich Georg Trakl mag.</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Rosen blühten. Laue Luft schmiegte sich über die laute Stadt. Und zwischen Stein blühten Rosen. Und rote Rosenblüten lagen auf grauem Rasen. Dann Elis, der zwischen rasenden Autos sich schlängelnd bewegte. Mit dichtem Blick in die Welt geblickt, die für ihn nicht war. Für ihn war nur Eliswelt, Elis-im-Wunderland-Welt, er allein in seiner weiten Kopflandschaft. Er übersah und hinterging mich. Ich kreuzte und querte Mandelsteins Weg. Dieser in Schlenderstiefeln. Mandelstein war einer, der immer zu spät kam. Und doch bestrafte ihn das Leben nie.</p>
<p>Wir trafen uns um die Ecke, Elis, Mandelstein und ich. Alle drei aus dem Nichts plötzlich hier und beschlossen, das Leben endlich zu begreifen. Mit Elis und Mandelstein sprach es sich schlecht, deshalb war Begreifen rein inwendig. Es wurde nicht verkommuniziert und zerredet. Buchstabenjongleur ist der Mensch und Elis mochte Sprache nicht, nur seine eigene, seine Elis-im-Wunderland-Sprache, die keiner sprach außer ihm. Schweigsames. Und Nachmittag schon, ohne Orientierung rumgelatscht. Mandelstein hinter uns, der immer zu spät kam. Der auch dann zu spät kam, wenn er bereits vor den anderen da war. Vielleicht nahm man ihn einfach nur verspätet wahr? Verzerrte Optik. Seltsamer Mandelstein, Mensch ohne Gesicht, denn Mandelsteins Gesicht interessierte nicht. Was interessierte: seine Ideen, Geniales knapp formuliert, sein eigenartiger Humor, der Lachgesichter ins graue Stadtbild zeichnete. Mandelstein sah deshalb auch nicht aus, er konnte hübsch, aber auch hässlich sein. Man wusste es nicht. Und es war unmöglich, sich einen Menschen vorzustellen, der sich je in Mandelstein verliebt hätte. Mandelstein war in gewisser Weise sogar geschlechtslos. Und sprachlos. Nie ein ganzer Satz, geschweige denn ein Gefüge. Nie eine Geschichte, manchmal Humoriges. Er liebte Witze, verschluckte aber den Witz und brachte nur die Pointe. Sprachsparend sozusagen. Mandelstein war nämlich der Ansicht, der Mensch hätte nur einen begrenzten Sprachvorrat zur Verfügung. Und einmal aufgebraucht, bliebe er sprachlos, der Mensch, denn Silbenzapfsäulen gab es nicht. Ein Mandelsteinwitz. Darauf Elis: – aha –.</p>
<p>Mandelstein, die wandelnde Ellipse, Elis, der Einsilbler, und ich.</p>
<p>Als es hinter uns krachte, glaubten wir, Mandelstein für immer verloren zu haben. Wir drehten uns um, er war nicht mehr hier. Ein Mülleimer lag umgeworfen, Nutzloses auf den Gehsteig gekippt. Elis und ich, wir sprachen nicht, nun aber doch. – Wo ist Mandelstein? – fragte ich. Ein kurzhalsiger, hochschultriger Elis blickte mich durch seine blickdichte Brille an, die Unterlippe leicht hängend nach außen gewölbt, und sagte – hm –, sonst nichts. – Hm –, sagte er und – oh – und – schau – und sein müder Zeigefinger wanderte bedächtig in Zeigerichtung Mülleimer. Der Blick fiel auf ein Rosenblatt, Tiefrotes leuchtend auf grauem Asphalt zwischen dunklem Weggekipptem. Wenig weiter ein zweites, dann ein drittes, ein viertes. Softe Spur einer Purpurschnecke, die zu einer Telefonzelle führte. Der Hörer lag abgehoben auf dem Apparat. Ich nahm ihn, – ja –, sagte ich. Dann eine Stimme: – Ich wandle im Rosengarten. Im Rosarotenrosengarten. Rosenduft klebt an mir, ich denk ihn mir zu dir. – Schrilles Lachen, in den Sog der Unerhörtheit gezogen, verklang. Das war nicht Mandelsteins Stimme. Es war nicht seine Manier, ganze Sätze zu formulieren. Und trotzdem kam es von Mandelstein. Es sprach für ihn. Und zudem sprach es für ihn, uns nicht einfach stehenzulassen. Er war also im Rosengarten. Elis stand noch immer neben dem Mülleimer und starrte. Hinter seinem dichten Blick lebte er wohl, bloß hier nicht. Ich trat aus der Zelle und auf die Purpurschnecke, die ihre Spur ins Lächerliche zog. Jetzt war sie tot. Unfallopfer. An meinem Schuh klebte Rotes.</p>
<p>Elis witterte. Ich sah seine Nase in Schnüffelbewegung. – Mandelstein ist im Rosengarten –, sagte ich wie beiläufig und stellte mich neben ihn. Plötzlich war er verändert, erleichtert, schöner als sonst, dann ging er um die Ecke. Ich hinterher, wie Mandelstein zuerst. Elis verändert. Er küsste im Vorbeigehen eine Frau, trat einen kleinen Hund beiseite, stoppte ein Auto, fluchte den Fahrer ins Schweigen und querte die Straße. Dann pfiff er eine Melodie, die keine war, atmete tief, sprang zweimal gegen einen Baum, Kastanie, sammelte Schmackhaftes für das Ross, das er nicht besaß, warf’s wieder weg und bog ein. Ich hinterher, wie Mandelstein zuerst. Rasende Autos wurden ruhiger. Der Stadtpark vor uns, der Rosengarten nicht weit. Ich hinterher, wie Mandelstein zuerst. Ankunft. Und keiner, der wartete. Mandelstein war nicht zu sehen. Elis wurde wieder von Lethargie erfasst.</p>
<p align="JUSTIFY">– Hier –, rief plötzlich Mandelsteins Stimme. Nur, wo ist hier, wenn man mitten im Leben steht?<br />
– Hierher. –, rief er noch einmal. Der Gang durch den Rosengarten war beschwerlich. Dunkel im Unterholz, nur von oben ein paar helle Sonnenstrahlen. Ich berührte einen Dorn und blutete, während Elis schon an einem Stiel nach oben kletterte.</p>
<p>– Ich habe mein Leben begriffen! –, schrie Mandelstein nun wieder in einem grammatikalisch vollkommen vollständigen Satz. – Ich auch! –, stimmte Elis ein, inzwischen angekommen, wippte begeistert, rutschte, zappelte, leuchtete aus klaren Augen. Schallend fiel das Sprachecho zu Boden. Beide saßen auf einer Rose, im offenen Kelch. Mandelstein auf einer roten, die Purpurtropfen zur Erde schickte. Elis auf einer rosaroten, in softe Blütenblätter geschmiegt. Ich stand noch unten, im Blütenblattschatten und wählte einen Rosenstiel. Dann kletterte ich hoch. Es wurde zunehmend heller. Ein fetter Sonnenstrahl drängte sich auf mein Gesicht. Dann oben und um mich eine Unendlichkeit roter und rosaroter Blütenblätter. Nur meine Rose war blau. Ich saß auf der einzig blauen Rose des Gartens. Ich saß nur kurz, saß beinahe und saß doch nicht, rutschte von Blüte und Blatt und verfing mich am obersten Dorn des Stiels, mit dem Kopf nach unten hängend. So blieb ich. Blaue Rose, schwarz vor Augen, der Blick in den Abgrund und über mir Lebendiges. Vom Rosenekel aus der Harmonie gespuckt. Elend. – Und ich, warum begreife ich nicht? –, fragte ich Elis und Mandelstein nach oben. Elis versank noch tiefer im leuchtenden Blütensamt. Mandelstein zündete sich eine Zigarette an. Und dann begann er die wohl längste Rede seines Lebens. Er musste geahnt haben, dass Sprachvorrat bald nutzlos war.</p>
<p>– Vorausdenken –, sagte Mandelstein, – Vorausdenken macht Rosensitzen unmöglich. Rose wäre dann zerstört. Blätter am Boden. Braun und ärgerlich. Zurückdenken ist auch unmöglich. Knospt die Rose, sitzt es sich schlecht. Nur jetzt, im Moment, ist Rosensitzen gut. Und wer blaue Rosen beklettert, sitzt noch im Zurück oder schon im Zuweitvor. Unnütz. Ich könnte jetzt vom Blatt kippen und tot sein. –, sagte Mandelstein voll Ironie. Und dann kippte er wirklich vom Blatt und war tot. Schlag des Schicksals. Traf ihn am Hinterkopf. Mandelstein fiel auf eine Purpurschnecke, der Arme, wurde zur selbigen, dort unten, von roten Rosentropfen bedeckt. Ich konnte ihn sehen, hing ja mit dem Kopf nach unten. Tropfentinktur blutrot. Das Leben hatte ihn nie bestraft, dem Tod war das ziemlich egal. Er holte sich Mandelstein, während Elis Einsilbler weiter gelassen an einem Butterbrot kaute, das er aus einer seiner Taschen gezogen hatte. – Mandelstein und Eisen bricht. –, sagte er gleichgültig. Dann kletterte er von der Rose und ging.</p>
<p>Ich blieb noch, bis mir alles Innere zum Hals heraushing, in meiner prekären Lage. Nun endlich sollte ich Leben begreifen, kopfabwärts an einem Rosenstiel hängend? Ich dachte mich frei. Wär’ Denkvorrat nur so begrenzt wie Sprachvorrat. — Ich dachte mich frei, von dem, was war, und dem, was noch kommen sollte. Ich ließ mich fallen, und dann verstand ich.</p>
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			</item>
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		<title>Ausziehen</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/ausziehen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Vor ein paar Jahren hab ich mit dem Erwin getanzt. Auf der Hochzeit meiner Freundin. Er hat gemeint, ich solle die Augen schließen und dem Rhythmus der Musik folgen. Totong, totong. Er hat meine Hand genommen und damit auf seine Brust geklopft, als wär ich sein Baby. Aber das stimmte nicht. Er war mit Renate hier.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Vor ein paar Jahren hab ich mit dem Erwin getanzt. Auf der Hochzeit meiner Freundin. Er hat gemeint, ich solle die Augen schließen und dem Rhythmus der Musik folgen. Totong, totong. Er hat meine Hand genommen und damit auf seine Brust geklopft, als wär ich sein Baby. Aber das stimmte nicht. Er war mit Renate hier.</p>
<p>Renate saß weiter hinten im Saal, an einem der Tische. Dort hatte ich sie zum letzten Mal gesehen. Jetzt sah ich nichts mehr, weil ich die Augen geschlossen hatte, um den Rhythmus zu spüren.</p>
<p>Der Erwin sieht aus wie ein Friseur, sagte mein Ex, weil er angefressen war, dass ich mit ihm nicht so tanzte, mit einer Hand auf der Brust und mit geschlossenen Augen. Aber das war mir egal wie Erwins Frisur. Mit den blonden Strähnen hatte er es eindeutig übertrieben, warum auch nicht. Die Renate schien sich ebenfalls nicht daran zu stören. Sie saß jetzt nicht mehr an ihrem Tisch, sie stand an der Bar mit Jimmy und trank Rüscherl. Jimmy machte den Eindruck, als hätte er der Renate gerne an den Arsch gefasst, aber das tat er nicht, weil er anständig war. Zumindest nach außen hin. Und weil Monika gleich neben ihm stand, die dem Jimmy bei Annäherung an Renates Gesäß mit Sicherheit eine gelangt hätte. Also blieb alles im Rahmen, soweit.</p>
<p>Später fing die Schwester meines Ex den Brautstrauß. Das gelang ihr nur deshalb, weil sie sich mit ihrem gesamten Gewicht in die kreischende Frauenmenge warf und schließlich in deren Mitte, mit dem Strauß in der Hand, regelrecht detonierte. Als ihre Mutter sie anschließend fragte, was sie sich jetzt wünschte, röhrte sie: einen Mann. Ihre Stimme klang wie die eines Tieres, bedrohlich und ausgehungert.</p>
<p>Erwin wollte jetzt Stehblues tanzen. Totong, totong. Ich fand ihn nicht mal so schlecht, den Erwin, die Frisur war mir, wie schon gesagt, egal. Nur Renate störte irgendwie. Erwin betrieb eine Sexhotline, die lukrativ war. Inwiefern er auch Renate in seine Geschäfte involvierte, wusste ich nicht. Jimmy vielleicht, der noch immer mit ihr an der Bar stand und von Monika beaufsichtigt wurde. Renate trug einen engen Overall, eine Art Catsuit, und war auf jeden Fall blonder als der Erwin.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Ausziehen war Erwins Leidenschaft. Ausziehen, um Abenteuer zu finden. Oder sich generell ausziehen, das lag ihm sicher auch. Letzte Nacht hätte er um ein Haar Wasser aus der Hundeschüssel gesoffen, nachdem er auf dem Tisch getanzt hatte, aber da war es schon sehr spät. Und Erwin bedient wie wir alle. Da hatte er schon einige Schnäpse intus, da war er hemmungslos, der Erwin, noch hemmungsloser als sonst. Totong, totong. Vom vielen Klopfen kamen dem Erwin schon die Brusthaare durchs Hemd. Erwin, kann ich meine Augen wieder öffnen, fragte ich, aber Erwin sagte: Lass dich gehen.</p>
<p>Wir waren dann noch in einem Lokal in dieser Nacht vor der Hochzeit, irgendwo in der niederösterreichischen Pampa. Ich könnte nicht mehr sagen, wo es war, es tauchte auf und verschwand wieder wie in einem Traum. Vor dem Lokal stand ein Auto, das uns nicht gehörte. Wir setzten uns auf die Motorhaube und tranken Mojitos. Erwins Hemd stand bis zum Bauchansatz offen, ich sah seine Brusthaare, die waren nicht blond. Ich hätte den Erwin gern wieder angezogen, ihn zugeknöpft, aber ich traute mich nicht, in diese halberogene Zone vorzudringen. Das war mir zu gefährlich. Der Jimmy war auch da und der Gof und alle starrten sie nur, starrten auf Erwins offenes Hemd, auf die Motorhaube und die Mojitos und auf Gabis Dekolleté. Mit der war ich hier. Und dann gab es noch Oliver, aber den wollte keiner so recht. Er war einer vom Militär, trug Springerstiefel und hatte einen strengen Charakter. Sie nannten ihn Nazibazi, halbzärtlich, weil er halt doch auch dazugehörte, irgendwie. Aber ihre Zuneigung war gespalten. Nur die Schwester meines Ex, die den Brautstrauß gefangen hatte, versuchte es auf der Hochzeit bei ihm, als ich schon mit Erwin tanzte.</p>
<p>Am Tag nach dieser verheerenden Nacht heiratete also meine Freundin, aber ich konnte nich aufstehen. Ich lag im Motel und starrte auf das offene Fenster über der Tür, das Gabi letzte Nacht oder am Morgen, als wir nach Hause gekommen waren, ausgehängt hatte, weil wir unter dem Feuermelder rauchten. Ich versuchte, aufzustehen und mir die Zähne zu putzen. Ich versuchte, mir die Haare zu kämmen. Ich versuchte, mich anzuziehen. Ich machte das Gegenteil von dem, was Erwin gerne machte. Aber das dauerte alles zu lange. Die Luft im Zimmer war schlecht, da half auch das offene Fenster nicht. Gabi war längst in der Kirche, Erwin, Jimmy, Gof und Oliver sicherlich auch. Nur ich lag noch hier, in meinem weiß-rosa Outfit, und fühlte mich auch so. Ich verpasste die Trauung und kam gerade noch rechtzeitig zum Stehbluestanzen mit Erwin. Aber irgendwann war mir dann schlecht, weil ich die Augen nicht aufmachen durfte.</p>
<p>Oliver ließ die Brautstrauß-Schwester abblitzen und meine Freundin brach ihrem frisch angetrauten Mann den Finger. Erwin hätte letzte Nacht fast aus der Hundeschüssel gesoffen, wenn das die Renate gesehen hätte! Aber die war zum Glück nicht da. Am Abend vor der Hochzeit zu poltern, ist ein Schnapsidee, in jeder Hinsicht. Und dann noch ausschließlich mit den Freunden des Bräutigams.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Heute habe ich erfahren, dass der Erwin die Renate verlassen hat. Ausgezogen ist er, wieder einmal, weit weggegangen, nach Costa Rica. Dort hat er sich ein Haus gekauft. Was er nun macht, weiß keiner so genau. Womöglich aber etwas noch weitaus Lukrativeres.</p>
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			</item>
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		<title>Wien is leiwand.</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/wien-is-leiwand/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Es gibt Depperte und Saudepperte. Und dann gibt’s noch andere, aber das ist jetzt unwichtig.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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		<title>Das wahnsinnige Pech</title>
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		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>eine Anti-Romanze, vielleicht</strong>

Da sind zwei. Der eine geht seinen Weg. Und der andere auch. Jetzt gibt's nicht zwei auf dieser Welt, sondern 7.284.283.000. Das sind viele. Viel mehr als zwei. Und unendlich viele Wege. Jeder von diesen 7.284.283.000 geht einen. Und der eine von den zweien geht auch einen. Nämlich seinen. Auf seinem Weg läuft er täglich an 127 von denen vorbei. Vielleicht sind es auch 130. Er zählt sie nicht. Aber dann ist plötzlich einer von diesen 127 oder 130 der andere. Dessen Weg sich zufällig mit dem des einen kreuzt. Und der eine bleibt kurz stehen. Und beginnt zu überlegen. Und wenn der eine schon einmal zu überlegen beginnt, wird's kritisch.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>eine Anti-Romanze, vielleicht</strong></p>
<p>Da sind zwei. Der eine geht seinen Weg. Und der andere auch. Jetzt gibt&#8217;s nicht zwei auf dieser Welt, sondern 7.284.283.000. Das sind viele. Viel mehr als zwei. Und unendlich viele Wege. Jeder von diesen 7.284.283.000 geht einen. Und der eine von den zweien geht auch einen. Nämlich seinen. Auf seinem Weg läuft er täglich an 127 von denen vorbei. Vielleicht sind es auch 130. Er zählt sie nicht. Aber dann ist plötzlich einer von diesen 127 oder 130 der andere. Dessen Weg sich zufällig mit dem des einen kreuzt. Und der eine bleibt kurz stehen. Und beginnt zu überlegen. Und wenn der eine schon einmal zu überlegen beginnt, wird&#8217;s kritisch.</p>
<p>Der eine bleibt also stehen und schaut den anderen einen Moment lang an. Schaut ihm ins Gesicht, in die Augen, schaut ihm auf den Mund und die Hände. Er würde gern noch ein wenig weiterschauen, hinein ins Innere, aber das ist versperrt. Er schaut ihn an, als wäre der andere der erste Mensch, der ihm heute oder seit langer Zeit oder seit überhaupt jemals auf der Erde begegnet ist. Und irgendwie ist es auch so. Und der andere schaut nun auch, wie zufällig, erkennt er den einen unter den vielen anderen und schaut in derselben Reihenfolge an dessen Fassade entlang, die ihm gefällt. Er würde gern noch ein wenig weiterschauen, hinein in den einen, aber da ist gerade noch nichts zu machen. Deshalb lächelt der andere jetzt, lächelt dem einen ins Gesicht, weil das Lächeln, wenn überhaupt, der Schlüssel ist hinein in den einen.</p>
<p>Und hier beginnt nun alles. Hier liegt der Ursprung vom wahnsinnigen Pech. Wobei es, im Nachhinein gesehen, immer am Anfang beginnt. Aber weiter nun.</p>
<p>Der eine läuft also wieder geschäftig eine Straße entlang, einen Weg, den seinen. Und der andere macht es ihm gleich, nur läuft der in die entgegengesetzte Richtung, weg vom einen. Es gibt so viele Wege, die sich nie kreuzen, obwohl sie existieren. Aber irgendetwas stimmt plötzlich nicht mehr. Irgendetwas hat sich verändert. Zumindest für den einen. Die Welt scheint irgendwie verknetet, zusammengedrückt auf allen Seiten. Wie sein Kopf. Der plötzlich nur noch einen Weg kennt, nämlich den zurück zum anderen. Noch denkt er und überlegt und fragt sich, was ihn da so umleitet. Aber mit dem Kopf hat das alles längst nichts mehr zu tun. Dem anderen geht&#8217;s gleich, nur ist der noch uneinsichtiger. Er rennt unablässig durch die Gegend, um bloß nicht zurückzumüssen. Zum einen. Weil ihn das einengt. In gewisser Weise. Und verunsichert. In ebenfalls gewisser Weise. Und trotzdem kommen beide auf Umwegen irgendwann wieder am selben Ort an. Das ist kein Zufall, kann man nun sagen. Ganz bestimmt nicht. Und auch kein wahnsinniges Pech. Noch nicht. Oder schon längst. Aber weiter nun.</p>
<p>Der eine steht nun also vor dem anderen und lächelt jetzt auch, hat so etwas wie den Schlüssel in seiner Hand und bittet den anderen zu sich hinein. Das macht er nur, weil er gar nicht anders kann, weil es ihm unmöglich erscheint, den anderen auszusperren. Er bittet ihn hinein, nicht ins oberste Stübchen, sondern eine Etage tiefer. Und irgendwann später dann auch zwei Etagen tiefer, aber so weit sind wir noch nicht. Und der andere wagt vorsichtig ein paar Schritte in die Richtung des einen, zaghaft ist er, wieder einmal. Aber auch interessiert. Wie das eben so ist, wenn man in unbekannter Landschaft steht. Und nun sind sie sich ganz nah, der eine und der andere, nun sind sie eine kleine Welt für sich, die nichts kennt außer sie beide und die völlig ausreicht. Der eine ist ganz beglückt davon und der andere fühlt sich erstaunlich wohl. Und beide kommen gut miteinander zurecht. Es beseelt sie, in diesem Moment. Aber es verunsichert sie auch. Später dann. Vor allem aber verwandelt es den einen für den anderen in ein Gesicht, das eine Nase, ein Paar Augen und einen Mund hat, in ein richtiges Gesicht, als gäb&#8217;s das nur einmal auf der Welt, an dem man sich nicht satt sehen kann.</p>
<p>Und weil es an diesem Punkt nicht mehr ausreicht, nur zu schauen, greift der eine nun nach dem anderen, greift nach seiner Hand und eben diesem Gesicht, nach dem ganzen Menschen dahinter, dem einzigen unter den 7.284.283.000, genau nach ihm. Die anderen 7.284.282.999 (einschließlich seiner selbst) sind ihm jetzt gerade egal, augenblicklich, so allumfassend egal, wie es das nur geben kann. Er will nur den einen greifen und er will ihn vor allem begreifen. Und der andere tut es ihm gleich, er fasst richtiggehend nach dem einen. Und nun gibt es eine Verbindung zwischen beiden, sie tauschen sich aus wie ein Kreislauf, sind verknetet, zusammengedrückt auf allen Seiten, so ganz ineinander, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Es gibt jetzt genau nur noch einen Weg und eine Richtung, jetzt, im Moment, aber was ist das Leben sonst als ein wichtiger Moment oder viele davon, der ganz und gar vom einen zum anderen führt, und zwar in alle Etagen, das kennen wir ja. Aber dann trennen sich die beiden wieder.</p>
<p>Weil der eine sich besinnt und überlegt, dass er jetzt gerade von etwas abkommt. Von etwas, das er sich so gut und überzeugend zurechtgerichtet hat. Und freigeräumt von Umständen. Und dem anderen geht es gleich. Weil sich dessen Spur, die er zieht, eigentlich nicht mit der des einen kreuzt. Eigentlich. Nicht. Und es ungemütlich und unsicher ist, davon abzugehen. Und so rennen sie auseinander, in unterschiedliche Richtungen. Durch Tage, die einen Anfang haben und ein Ende nehmen, vorbei an vielen unausgestatteten Gesichtern. Sie ziehen, von oben auf der Weltkugel betrachtet, merkwürdige Bahnen, die einmal mehr, einmal weniger der des jeweils anderen nahe kommen. Als wären sie aus den Fugen geraten. Und das sind sie ja auch. In gewisser Weise. Nur gibt das keiner der beiden zu.</p>
<p>Das ist es nun also, könnte man denken, das wahnsinnige Pech. Dass einem genau dieser eine unter 7.284.283.000 begegnen muss, der einen aus der Bahn wirft. Obwohl man alles, nur gerade das jetzt nicht braucht. Aber was braucht man dann eigentlich?</p>
<p>Der eine macht sich also aus dem Staub und der andere macht das auch. Aber ihre Wege sind unruhig und irgendwie auch nicht mehr so frei. Und wenn sich der eine nun ab und zu, in einem unbedachten Moment, die Welt als kleines Ganzes denkt, dann sieht er eine dunkle Kugel mit einem hellen Punkt darauf. Und wenn er sich die Augen zuhält, um das nicht sehen zu müssen, dann spürt er es. Und jetzt weiß sich der eine nicht mehr zu helfen. Weil ihm eigentlich nicht mehr zu helfen ist. Weil ihn sein Weg zwangsläufig wieder zu diesem hellen Punkt zurückführen wird, ob er es nun will oder nicht. Und der andere wird dort sein, wo auch sonst. Er leuchtet ja nicht ohne Grund so hell. Die ganze Zeit. Und eigentlich ist das nur wünschenswert und irgendwie auch logisch, dass es so kommen muss. Denn wäre es nicht so, würde der eine durch- und davonkommen auf seinen Schleichwegen und der andere auch, könnte man hier nun tatsächlich, absolut berechtigt und aus gutem Grund sagen: Das ist nun aber wahnsinniges Pech.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Die Mitte eines seltsamen Lebens</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/die-mitte-eines-seltsamen-lebens/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>Erzählung</strong>

Ein Skifahrer also. Blum ein Skifahrer. Als ob allein die Tatsache, dass er nachts davon träumte, schon dafür ausreichte. Er habe ständig irgendwelche Pisten zu bewältigen, immer dasselbe Szenario, er sehe nichts, alles sei weiß und undurchdringlich und er müsse nach unten. Es gebe für ihn mittlerweile nur noch zwei Jahreszeiten: Tag und Winter. Und dass dieser ganze Schnee bedenklich sei. Für einen wie ihn, der mit der Spezies, die ihre Freizeit verwedelt, nichts anfangen könne, sei das überaus bedenklich. Und dass der erste Schnee, der richtige erste Schnee, schon sehr gemein daherkäme – so zart und unauffällig, der schleiche sich regelrecht ein. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: center;"><strong>Erzählung (Auszug)</strong></p>
<h4></h4>
<h4>1 Schnee und ein Angsthase</h4>
<p>Ein Skifahrer also. Blum ein Skifahrer. Als ob allein die Tatsache, dass er nachts davon träumte, schon dafür ausreichte. Er habe ständig irgendwelche Pisten zu bewältigen, immer dasselbe Szenario, er sehe nichts, alles sei weiß und undurchdringlich und er müsse nach unten. Es gebe für ihn mittlerweile nur noch zwei Jahreszeiten: Tag und Winter. Und dass dieser ganze Schnee bedenklich sei. Für einen wie ihn, der mit der Spezies, die ihre Freizeit verwedelt, nichts anfangen könne, sei das überaus bedenklich. Und dass der erste Schnee, der richtige erste Schnee, schon sehr gemein daherkäme – so zart und unauffällig, der schleiche sich regelrecht ein.</p>
<p>In Wahrheit war Blum über die Maßen unsportlich. Ein Bergler, der mit Bergen nichts am Hut hatte. Dem die Skier am liebsten abgeschnitten und übers Kreuz gelegt an die Hüttenwand genagelt waren, vor der er dann saß und sein Bier trank. Manchmal auch mehrere. Da war er nicht so zimperlich. Schließlich musste man sich auch als Nichtskifahrer seine Freizeit vertreiben. Und immer wieder sprach er davon, dass er irgendwann von hier weggehen würde. Und dieses Irgendwann klang so, als hätte er, ausgerechnet er, unbewusst, wie er lebte, ewig Zeit dafür gehabt. Elke, seine Verlobte, die meistens und längstens bis zum fünften Bier neben ihm saß, verdrehte dann wie gewohnt die Augen. Manchmal sagte sie „ja, sicher“, oder sie nickte nur stumm.</p>
<p>Irgendwann wurde dem Blum die ganze nächtliche Skifahrerei dann aber doch zu viel, weil er immer schweißgebadet aufwachte. Kreuz und quer durchs Bett gewälzt, sah sein Laken von oben aus wie ein kartografiertes Bergland. Er hockte dann meist schon im Morgengrauen aufrecht im Bett, überbrückte die Zeit bis zum Aufstehen mit Vor-sich-Hinstarren, Ins-Dunkel-des-Zimmers-Hineinstarren, planlos und gequält, während der Schweiß in seinen Kniekehlen langsam auftrocknete. Manchmal folgte er dem kaleidoskopischen Schattenspiel seiner Pupillen. Manchmal war er überzeugt davon, einen Windhauch zu spüren, eine Art Energie, die an ihn herantrat. Manchmal hatte er einfach nur Angst. Auf seinem Nachttisch stapelten sich Bücher. Aufeinander lagen sie, durcheinander, quergelesen, seitenweise eingelegt und angestrichen. Ein fast leeres Blatt irgendwo dazwischen, darauf, in Ansätzen, ein wertvoller Gedanke. Das war alles, was Blum zustande brachte. Ansätze von etwas. Kurz bevor der Morgen dann da war, der richtige Morgen, verfiel Blum, erschöpft vom verkrampften Dahocken, regelmäßig in eine Art hypnotischen Tiefschlaf und schaffte es nur selten, pünktlich aus dem Bett zu kommen. Die Skifahrerträume mussten ihn über Jahre geplagt haben. In der Hütte erwähnte er sie mit keinem Wort mehr. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>2 Barbara im Laken</h4>
<p>Als die Glocken des nahen Volto Santo vier Uhr schlugen, wachte Blum auf. Wie ein massakrierter Wurm lag er auf dem fremden Bett, in sich zusammengezogen, beinahe gliederlos. Durch die Ritzen der alten Holzjalousien siebte sich das helle, laute und schwüle Leben von draußen gemächlich ins Rauminnere. Ein kleiner Hitzeteppich hatte sich auf ihn gelegt, ihn in Folie gewickelt. Es roch fremd und nach Pinie. Blums verschlafene Blicke wanderten forschend durch den Raum, die weiße Schrankwand entlang, vorbei am alten Fernseher und den Fotografien der kleinen Ahnengalerie, dann zum halb offenen Fenster, den Holzjalousien, vor deren ritzenhaften Scheinwerfern der Staub im Rauminneren tanzte, bis hinauf zur schönen, großen Deckenleuchte, ein dunkelblau-weiß gestreiftes Ding aus Glas und Porzellan, ihr spitzes Ende richtete sich von oben genau auf Blums Brust. Er lag immer noch da, eingewickelt, unbeweglich. Die Kleider, die er schon während seiner Reise getragen hatte, rochen unangenehm. […]
<p>Blum versuchte nun, vom Bett aufzustehen, umfasste ein Bein mit beiden Händen, als wollte er Zentnerlasten bewegen, stellte es auf den weiß gefliesten Boden, dann das zweite daneben, stemmte sich mit Schwung nach oben und jetzt erst, da er aufrecht stand, kehrte langsam wieder Leben in seinen Körper zurück. Benommen schlich er durch den kahlen Flur, ging ins Nebenzimmer, die ganze Wohnung war weiß gefliest, steuerte auf die Balkontür zu, öffnete sie und trat hinaus. — Vor ihm lag Neapel in einem dunstigen Kessel, in dem es brodelte und der Geräusche, protuberanzengleich, an Blums Ohr schleuderte. Dahinter das Meer, der Golf mit den Inseln und links, am Rande seines Blicks, der Vesuv. Die Luft war warm und angenehm, das rötliche Licht der Nachmittagssonne legte sich wie ein Filter über die Stadt. Blum begaffte die Kulisse, überrascht und fassungslos, als hätte man ihn entführt und ausgesetzt. Er fuhr sich nervös durchs Haar, massierte ein wenig seinen Kopf, als könnte er ihn formen, dann quietschte er leise. Doch das half jetzt auch nichts mehr. […]
<p>Er sah sich um. Der in die Jahre gekommene Palazzo, an dessen Mauern Kabel wie Efeutriebe kreuz und quer liefen, die gelbe Wandfarbe von der salzig-feuchten Meeresluft abgefressen, jeder Balkon ein Sammelsurium kleiner, nach außen gestülpter Leben. Ein Hund kläffte einen Stock höher, ein Kind schrie, eine Frau schimpfte das Kind, der Hund kläffte lauter, dann schimpfte die Frau den Hund. Und immer wieder Autos, die sich dem kurvigen Straßenverlauf eingenäht hatten, daherpreschten, den Palazzo umsteuerten und wieder verschwanden, Hupgeräusche dazwischen, von Weitem ein Folgetonhorn. Menschenstimmen irgendwo, ohne dass Menschen zu sehen waren. Und unten, am Grunde seines Blicks, ineinandergekeilte Häuser, willkürlich in den Kessel der Stadt geworfen und liegen geblieben. Kein Fleck, an dem sich das Auge ausruhen konnte. Alles war übertriebenes Sehen, alles verschachtelt, übereinandergestapelt, improvisiert und willkürlich platziert, ohne erkennbare Ordnung. Rechts im Bild, ganz in der Nähe, entdeckte Blum den Kirchturm des Volto Santo, es war fast halb fünf. Barbara landete in gut zwei Stunden. […]
<p>Um sieben Uhr holte Blum Barbara vom Flughafen Capodichino ab, packte sie samt Gepäck in ein Taxi und fuhr mit ihr auf kurzen Wegen hinauf zu den Ponti Rossi. Dort legte er sie ohne Umschweife in das fremde Bett und zerknitterte sie wie ein Laken. Danach sahen beide demoliert aus. Blum hatte das Gesicht eines alternden Mannes, er fühlte sich überanstrengt. Barbara zupfte sich emsig ihre Wangen zurecht. Sie wirkte unbeschwert. „Du riechst nach Lavendel“, sagte sie. Dann verschwand sie so kompakt aus dem Raum, wie sie ins Bett gekommen war. Blum bewegte sich nicht. Die Schwüle von draußen lag wie ein feuchter Lappen auf ihm. Er dachte an Schnee. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>3 Bruno Lamenti, ein Postkartenleben</h4>
[…] Lamenti machte sich einen Spaß daraus, Blum in Viertel zu bringen, die alles andere als touristentauglich waren. Sie fuhren von der Altstadt die Via Duomo entlang, dann weiter durch engere Gassen. Lamenti manövrierte das kleine, scheppernde Automobil mit einer Leichtigkeit durch alle Unvorhersehbarkeiten der Stadt, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes getan. Blum wagte einen verstohlenen Blick auf die Pedale, zählte sie, suchte die Bremse. Doch Lamenti bremste nie. Er bewegte sich mit all den anderen Fahrzeugen in einem Fluss aus stillschweigendem Einverständnis. Es war ein kunstvolles, bemerkenswertes Fahren, eines, das Blum sich unmöglich zugetraut hätte. Jede zu bewältigende Kreuzung, davon war er überzeugt, hätte ihn psychisch ruiniert. Dann waren sie in der Sanità und gerieten in einen Stau. Lamenti drückte die Türverriegelung nach unten und schaute Blum aufmerksam an. „Das ist nun also deine Hölle“, sagte er. „Wenn’s nicht schlimmer wird, kann man sich durchaus ein paar Verfehlungen im Leben leisten!“ Er lachte ausgelassen und kurbelte das Fenster einen Spalt weit nach unten. Es war schwül und stickig im Auto, das keine Klimaanlage besaß.</p>
<p>Für Blum war die Sanità die Hölle. Sein Blick war auf den vielen Fahrten schon öfter über die Dächer des Viertels gestreift, wenn sie auf dem Corso Amedeo di Savoia stadtauswärts fuhren. Die Straße führte über eine Brücke, die Ponte della Sanità, in deren bodennahem Schatten sich das Viertel ausbreitete wie ein Gewächs. Die Brücke war gesäumt von einem Metallgitterzaun mit spitzen Enden – kleine, nach oben gerichtete Lanzen, eine nach der anderen. Man konnte sich bei einem Blick in den Abgrund glatt daran aufspießen. Den Zaun gab es deshalb, weil man genug von den selbstmörderischen Aktivitäten hatte, die sich auf dieser Brücke abspielten. Es waren, so behauptete Lamenti, vor allem sitzengelassene, schwangere Frauen, die am Ende ihres Falles zu einer unschönen Erinnerung wurden.</p>
<p>In der Sanità schienen das Licht und die Aussichten auf Besserung um ein paar Grade gedimmt. Sie fuhren durch enge Gassen, vorbei an desolaten Wohnhäusern, deren Mauern das Schmutzige und Dunkle der Stadt konservierten. Nach oben hin wurde das Viertel von einem verheerenden Kabelgewirr überspannt, dessen Ausläufer an den maroden Häuserfassaden wurzelten. Eine tollwütige Spinne war hier zu Gange, dachte Blum, entsann sich zur gleichen Zeit, dass Spinnen wohl keine Tollwut haben konnten, aber alles hier sah ganz danach aus. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>4 Die Inversion des Glücks</h4>
<p>Für Elke war Blum ein Künstler. Oder ein Intellektueller. Einer, der schreibt, eben. Und auch wenn sich in Blum beides nicht eindeutig manifestierte, so war er doch eine angenehme Konzentration von Vergeistigung in dieser sonst so körperlichen österreichischen Stadt. Elke mochte Blums Spontaneität, weil sie positiv und linear dachte. Man hätte sonst auch Inkonstanz dazu sagen können. Er war nämlich äußerst spontan, wenn es darum ging, lang durchdachte Pläne zu verwerfen, absolut unspontan jedoch, wenn er zu Kompromissen aufgefordert wurde. Blum überraschte sie regelmäßig mit ungewöhnlichen Aussagen, mit „Marginalwissen“ und „Nischendenken“, wie sie das definierte, weil es „solche wie ihn“, die „so Sachen sagen wie er“, nicht allzu viele hier gab. Blum konnte damit gut leben. Er selbst fühlte sich in seiner Mittelmäßigkeit weder als Künstler noch als Intellektueller und genoss gerade deshalb die Sonderstellung, die Elke für ihn herausgearbeitet hatte. Mit seiner eigentlichen Arbeit beschäftigte sie sich wenig, und so hatte sie weder einen Beweis für ihre Behauptungen noch eine Ahnung von dem, was sie sagte, aber sie hatte Selbstvertrauen. Und das genügte in dieser Angelegenheit. Dafür mochte er sie: Sie machte aus ihm etwas, das er nicht war, er ließ sich gern von ihr loben, er war angewiesen auf ihr gutes Zureden, sie gab ihm das Gefühl, das Richtige in seinem Leben zu tun.</p>
<p>Mit dem allseits verbreiteten Sportjackenwahn hatte Blum aber gar nichts gemein und deshalb kein schweres, so aber doch ein sozial unspektakuläres, wenn nicht gar langweiliges Leben. Die Stadt lähme seine Gedanken, sagte er manchmal. In diesem Pathos eröffnete sich die ganze zweifelhafte Größe Blums. Weil, wenn er ehrlich war, brauchte er gerade diese morbide Einstellung, um überhaupt über die Runden zu kommen. Blum war im Grunde genommen kein glücklicher Mensch und das wahre Glück, wäre es ihm je widerfahren, hätte ihn in der Tat nur noch unglücklicher gemacht. Deshalb war er trotz aller Verfahrenheit der Situation zufrieden mit sich und seinem Leben. Er nannte das invertiertes Glück. Elke nannte das Nischendenken. Aber sie kam damit zurecht.</p>
<p>Dafür mochte sie ihn: Er hatte eine ihr unbekannte Art zu denken, eine, die sie nicht beherrschte, ihr Leben spielte sich nicht in Zwischentönen ab. Sie war eine Praktikerin, organisiert und sozial kompetent. Ihr dominantes, selbstbewusstes Wesen fühlte sich jeder Konfrontation mit dem Leben gewachsen. Nicht einmal die langen, kalten Wintermonate, die hartnäckigen Schneeberge und die düstere Stimmung der Natur konnten ihr etwas anhaben. Sie fand in ihrem klar durchdachten Vorgehen sogar noch Platz und Gefallen für eine solch undefinierte Seelenpflanze wie Blum. Er war ihre wilde, konturlose Seite, ihre rechte Gehirnhälfte, die ohne ihn brach lag. Während Elke ihr gemeinsames Leben strukturierte, schattierte es Blum beharrlich mit den illustresten Gedankenauswüchsen. Er brachte die Tiefe in ihr gemeinsames Bild, um das sie den Rahmen legte. Und so sah dieses Bild aus: Er, der Elke auf ihrem geraden Weg durchs Leben hinterherlief und immer wieder ins Schleudern geriet, der ausscherte nach allen Seiten wie ein nervöses Karnickel an der Leine. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>5 Vom Wedeln und anderen raffinierten Sachen</h4>
<p>Kraus fand Blums Wedel-Kolumne dreist. Was er sich dabei gedacht hätte, wollte er wissen. Wer das lesen solle. Ob ihm klar sei, welches Tier er da zu schlachten gedenke. Zudem sei die Qualität des Geschriebenen alles andere als zufriedenstellend. Blum sei doch kein Anfänger, was ihm da nur passiert sei. Da könne er auch einen Schulaufsatz seines Buben abdrucken – „Buben“, sagte er. Blum erinnerte sich an ein Zusammentreffen mit diesem Buben, einem pubertierenden, an allem desinteressierten Wesen, der eine Ausstrahlung hatte, als würde er bar jeden Talents durch die Welt schlendern. Kraus hatte diesen Buben eines Sommers zu einem Praktikum bei der Zeitung verdonnert. Er setzte ihn jeden Morgen ins Büro eines Kollegen, ließ ihn tagsüber dort verkommen und holte ihn am Abend wieder ab. Der Kollege sah nach diesem einen Monat mit dem Buben des Chefs an seiner Seite richtig mitgenommen aus. Der Bub hingegen sah immer gleich aus. Ein wenig verpickelt, ein wenig hormongestört, ein wenig antriebslos allem gegenüber. Die Pubertät setzte ihm sichtlich zu. Ein wenig rieche er auch, erzählte der Kollege, der mit dem Buben auf Augen- und Nasenhöhe saß, einem anderen im Geheimen. Bald wusste es die ganze Redaktion. Der Bub komme ganz nach dem Vater, höhnte man. Und die Aufsätze seines Buben, fuhr Kraus nun fort, seien, das müsse er leider zugeben, atomare Wortkatastrophen. Blum schüttelte unwillkürlich den Kopf. Ein Tier schlachten, ausgerechnet er. Das war ausgeschlossen. Wie kam Kraus nur auf diese ekelhafte Metapher? […]
<p>Als Blum hinaustrat, wartete bereits Angelika, die Chefsekretärin, auf ihn. Wie eine Kreuzspinne saß sie auf ihrem fetten Thron und hatte ihr undurchdringliches Netz in alle Richtungen gesponnen.</p>
<p>Angelika war das Gustostückerl der Redaktion. Mit ihren zarten 34 Jahren sah sie aus wie ein Gebilde kurz vor der Pension. Sie war klein gewachsen und üppig, eine barocke Figur, die gerade einem Gemälde entstiegen und direkt auf dem Bürosessel in Kraus‘ Vorzimmer gelandet war. Ihr Gesicht, spärlich zusammengehalten von einer rahmenlosen Brille, war ausdruckslos, umgeben von sehr dünnem, brünettem, kinnlangem Haar, das ihr einzeln, fadengleich wie Nähseide, vom Kopf tanzte. Ein mediokres Wesen von glanzloser Präsenz, das nichts Anziehendes an sich hatte. Nur ihre Hände waren außergewöhnlich elegant, was Blum bei jedem Anblick aufs Neue überraschte. Mit ihren langen, dünnen, sehr gepflegten Fingern glitt sie über die Tastatur wie über ein Piano. Und Blum fragte sich ernsthaft, wie es diese schönen, zarten Glieder nur mit dem kümmerlichen Rest von Angelika aushielten.</p>
<p>Am Schlimmsten jedoch war ihre Art, dominiert von einer unglaublichen Durchtriebenheit, die nicht davor zurückschreckte, ihr Umfeld bei jeder Gelegenheit vorzuführen. Und Blum war, aus unerklärlichem Grund, zur Lieblingszielscheibe ihrer gemeinen Zirkusnummern geworden. Angelika war eine Meisterin des Mobbings. Wegen Erscheinungen wie ihr war dieses Wort erst kreiert worden. Sie wirkte sprachverändernd. Und bewusstseinsverändernd. Anfangs fütterte sie die ganze Redaktion mit Schokopralinen und Selbstgebackenem an, und dann, als sich alle sicher fühlten in ihrem süßen mütterlichen Schoß, schlug sie schonungslos zu. […]
<p>Als Blum abends das Büro verließ und Angelika im trüben Schein ihrer Schreibtischlampe noch arbeiten sah, blieb er einen Moment lang stehen und sah ihr dabei zu, wie sie, vornübergebeugt, mit koboldartiger Bösartigkeit ihre Tastatur manipulierte. Da verspürte er aufrichtige Lust, ihr vor dem Bürogebäude aufzulauern und hinterherzuschleichen, mutwillig einzudringen in ihr kleines, durchschnittliches, schauderhaftes Hexenhausleben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>6 Barbaras Sehnsucht</h4>
[…] Sie standen im Museum von Capodimonte, das ganz in der Nähe der Wohnung lag, und betrachteten das vielschichtige Szenario auf dem riesigen Wandteppich, der vor ihnen hing. Die minutiöse Darstellung einer Szene aus der Schlacht von Pavia, ein gedrängtes Durcheinander an kämpfenden Männern in Rüstungen, bewaffnet mit langen Lanzen, auf Pferden sitzend, vom Pferd gefallen, erstochen, fliehend. Manche, die noch lebten, trieben sich in der bis ins kleinste Detail gearbeiteten Landschaft herum, versteckten sich hinter Büschen, ertranken in dem Fluss, der von rechts oben nach links unten die Szene durchkreuzte. Sieben dieser Teppiche kleideten den Raum aus, jeder zeigte eine andere Szene. Jeder war beeindruckend. […]
Barbara war begeistert von der aufwendigen Arbeit, die sich Menschen hier angetan hatten. Das Knüpfen eines solchen Teppichs hatte bestimmt Jahre gedauert. Wenn man am Anfang einer solchen Arbeit saß, war kein Ende in Sicht. Besonders bedenklich waren jene Teile, die Landschaften darstellten. Man knüpfte vielleicht wochenlang nur an einem Blatt. Wenn man Glück hatte, war es ein Baum. Wenn man Pech hatte, war es Wasser, Erde, Wald – gleichförmige Flächen, die nur in der Betrachtung des Gesamten einen Sinn ergaben. Blum, für den jede Art von Kunst ein Produkt der Verzweiflung war, einer Verzweiflung über das Menschsein an sich, über dessen Bedeutungslosigkeit im unfassbar Großen, das alles umgab, war augenblicklich deprimiert bei der Vorstellung, dass irgendeine arme Seele ihre Zeit damit verbrachte, dunkle, konturlose Büsche auf riesige Teppiche zu knüpfen, die nicht einmal Beiwerk waren im großen Szenario, sondern einfach nur verschwanden.</p>
<p>„Bist du geduldig?“, wollte Barbara wissen. „Nein. Sehr ungeduldig“, sagte Blum. „Aha“, meinte Barbara, „wir sind verschieden.“ Blum sinnierte über diesen Satz: „Wir sind verschieden.“ Der konnte zweierlei bedeuten. „Wenn wir irgendwann wirklich verschieden sind, unwiderruflich, hat das alles hier keine Relevanz mehr. Ob ich Barbara nun liebe oder ob sie mir gleichgültig ist, ob ich diesen Wandteppich stundenlang betrachte oder einfach an ihm vorübergehe. Ob ich der Blum bin, den man sich erwartet, oder nur irgendein Blum, ein Wesen nicht nachvollziehbaren Gemütsinhalts.“ Er begriff, dass er nicht das Leben führte, das sie alle irgendwie zu führen schienen. Dieses Leben, das einem ungeschriebenen Codex folgte. Das mustergültig war, so wundervoll vorzeigbar und tadelsfrei. Das die Grundzüge des Menschseins passgenau einknüpfte und verwebte zu einem evolutionsschweren Abbild, das wandteppichartig alles überlagerte. Und er wusste nicht, ob er sich dafür schämen, sich als Außenseiter fühlen sollte oder ob es zulässig war. Ob auch das eine Option war, die Anerkennung finden konnte oder zumindest geduldet wurde. „Manchmal vergesse ich, dass ich sterben muss“, sagte Blum schließlich. Barbara sah zu ihm herüber, schüttelte den Kopf. Dann zerrte sie ihn am Arm, sie verließen den Raum, das Museum, stiegen in ein Taxi und fuhren hinauf zum Castel Sant’Elmo. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>7 Die Genugtuung</h4>
[…] Elke überspielte Blums Unvermögen, sie in ihren Plänen zu unterstützen, vielleicht sogar aktiv zu partizipieren, meist gekonnt. Sie kannte ihn ja, ihren Matz. Ihren Matz Blum. Ein Verkomplizierer war er, ein Querdenker, ein Hinterfrager: ein unflexibler Zeitgenosse durch und durch. Wenn es um grundlegende Lebensfragen ging, verhielt er sich wie ein Autist, kam mit den einfachsten Entscheidungen nicht zurecht. Und wenn sie ihn darauf hinwies, wenn sie mit ihm lernte, die einfachen Dinge zu bewältigen, machte er ein verdutztes Gesicht und hatte es wenig später wieder vergessen. Blums Welt war eine andere, eine unzugängliche.</p>
<p>Er war ein Insulaner seiner Gedanken, manchmal wanderte er durch Gegenden, die<br />
menschenleer waren, weil ihm keiner dorthin folgen wollte. […]
<p>In der Nacht nach dem Antrag wurde Blum von Unruhe geplagt. Er starrte hellwach ins Zimmerdeckennichts eines dunkelgrauen Raumes. Elke schlief wie gewohnt neben ihm, als wäre nichts geschehen. Blum schaute sie durch die Dunkelheit hindurch an, konnte nur ihre Konturen erkennen. Sie hatte sich zusammengerollt und die Decke bis zu den Ohren hochgezogen. Sie sah harmlos aus, wie sie so dalag. Blum inhalierte ihren warmen Atem, betrachtete ihren leicht geöffneten Mund – das Sprachrohr ihres unbekannten Inneren – und fragte sich, ob er sie denn eigentlich liebe und wie er eine Antwort auf diese Frage finden könne. Intuitiv hätte er gesagt, dass er sie natürlich liebe. Sie war ein fester Bestandteil seines Lebens, ihre Anwesenheit gab ihm eine Art von Frieden. Sie war die Heimat, die er suchte. Das musste doch eigentlich reichen. Warum aber spürte er es nicht? Warum fühlte es sich an, als höre seine Existenz vom Kopf abwärts betrachtet bereits am Hals wieder auf? Alles, was darunter lag, war verschwommen. Eine unakzentuierte Leere besiedelte seinen Körper. Nichts pulste, nichts jagte. Nichts rührte sich. Die Versuchung, Elke im Schlaf zu berühren, was einst eine abrupte Umwälzung des gesamten Organismus ausgelöst hatte, ein Beben von erschütterndem Ausmaß, war keine Versuchung mehr.</p>
<p>Blum musste sich mit der Erklärung zufriedengeben, dass Liebe nichts zu tun habe mit kurzen, deliriösen Feuerwerken, sondern kontemplativ war. Kontemplativ, unbefriedigend in gewisser Weise und doch so stark. Er saß fest. Die Vorstellung eines anderen Lebens, eines Lebens ohne Elke, hatte aufgehört zu existieren. Diese Option gab es für ihn nicht mehr. Als hätte man ihm die Beziehung zugeteilt. Lebenslänglich. Über diesen Gedanken schlief Blum endlich ein. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>8 Abschied von nichts</h4>
[…] Ein Abschied war keine leichte Sache. Vor allem dann nicht, wenn sich die dadurch generierte Sehnsucht, die bei zumindest einem der beiden sich Verabschiedenden jetzt offensichtlich wurde, nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben ließ. Wenn man sich nicht aus der Situation stehlen konnte mit inbrünstigen Beteuerungen, dass alles besser werden, sich in Wohlwollen und Erfüllung auflösen würde – zu einem späteren Zeitpunkt dann, irgendwann, der in Wirklichkeit aber nie kam. Blum konnte nicht sagen: „Wir sehen uns bald.“ Und er wollte nicht sagen: „Besuch mich bald wieder.“ Somit stand er nur da und sagte nichts. Barbara war das zu wenig. Sie näherte sich Blum entschlossen, drückte ihm ihre Lippen auf den Mund. Ihre frische Haut roch nach Rosencreme, er beschnupperte sie wie ein Hund. Es war ein Theater, das durchaus auch im San Carlo seine Zuschauer gefunden hätte, dramatisch bis zur letzten gemeinsamen Minute. Sie war melancholisch, er angespannt. Dann ging sie durch den Check.</p>
<p>Als er wusste, dass sie nicht mehr umkehren konnte, sprang er intuitiv in die Höhe, machte einen Satz nach vorn. Und als sie sich noch einmal umdrehte und ihm zuwinkte mit einer kleinen Verzweiflung im Gesicht, die ihr die Ratlosigkeit in dieser Angelegenheit ganz deutlich an die sonst so unversehrte Fassade gepinselt hatte, winkte er übertrieben emphatisch zurück, er konnte gar nicht mehr aufhören damit. Wie ein Wahnsinniger fächerte er alles an gemeinsamer Erinnerung zusammen mit den letzten Momenten einer gerade noch sichtbaren Barbara einfach von sich fort. Dann verschwand sie zwischen den Menschen, die sich auf den gleichen Weg gemacht hatten wie sie.</p>
<p>Blum überkam plötzlich ein solcher Frohsinn, dass er sich auf der Stelle alles zugetraut hätte. Er steuerte auf die nächstbeste Bar zu, ging ohne Beklemmung zur Kassa, löste seinen Scontrino in einem ausgelassen akzentbehafteten Italienisch und bestellte am Tresen einen Caffè. Dann stand er da, salopp angelehnt, in leichter Schräglage zum Rest der Welt, ließ den Zucker eines Papiertütchens in die noch heiße Tasse rieseln, nahm den kleinen Löffel und rührte so, wie er es von Lamenti gelernt hatte, mit abgespreiztem Finger behutsam und unerträglich lang darin herum. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>9 Die Rache eines Wortes</h4>
[…] Wie auch immer er es betrachtete, er konnte Elke nicht verzeihen, er fühlte sich nicht in der Lage dazu. Sie hatte einen zu großen Fehler gemacht. Und dabei war der Mensch doch nichts weiter als ein Produkt seiner Vorzüge und Fehler. Es gab die dunklen Seiten. Wenn man ins Helle einer Seele blickte, musste man damit rechnen, dass einiges im Schatten lag. Nur wollte man das nicht wahrhaben. Man wusste es, jeder war ein Opfer seiner eigenen Schatten. Aber niemand sprach darüber. Die Gesellschaft wünschte sich Peter Schlemihls, schattenlose Gestalten, die einem das Durchsichtige und Abschätzbare des eigenen Wesens plausibel vorgaukelten. Das Dunkle aber brodelte irgendwo vor sich hin. Im Halbwahren. Im Unwahren. In den Träumen. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>10 Die Einmeterfünfzigapokalypse</h4>
[…] Blum fuhr mit einem Satz in die Senkrechte, wie eine Königskerze blühte er aus dem morgendlich verwärmten Bett. Sein T-Shirt war schweißnass. „Gott sei Dank“, sagte er sich, „Gott sei Dank“. Er hatte sie nicht beschimpft und war erleichtert. Nur dass der Traum derart absurde Ausmaße angenommen hatte, beunruhigte ihn ein wenig. Das konnte nur an Angelikas Wesen liegen und an der Tatsache, dass Blum ihr mittlerweile alles zutraute.</p>
<p>Er zog sich um und legte sich auf die andere Seite des Bettes, die noch rein von bösen Träumen und vor allem trocken war. Von draußen dämmerte wieder einmal ein neuer Tag herein. Das würde bis in alle Ewigkeit so weitergehen, dachte Blum, nur irgendwann ohne ihn. Er fühlte sich mitgenommen, keinem Ort mehr zugehörig. Das entfernte Rauschen des Verkehrs, das der Wind von der Tangenziale, die die Stadt umspannte, bis in dieses Zimmer trug, stimmte ihn melancholisch. Es war das Zeichen anderen Lebens, das allerdings so weit entfernt war, dass man von Vornherein wusste, man würde nie damit in Berührung kommen. Elke war immer sein Halt gewesen, sie war seine Verbindung zu all diesen unerreichbaren Leben. Als sie schließlich gegangen war, fühlte sich Blum, als hätte man ihm sein Inneres entfernt, ihn ausgehöhlt wie einen Kürbis. Er war eine leere Figur, die lediglich von einer immer noch funktionierenden Maschinerie angetrieben wurde, während jeder Gedanke an Ganzsein brach lag. Auch jetzt, ein halbes Jahr nach der Trennung, war er noch nicht am Nullpunkt angekommen, er grub sich irgendwo in schummrigen Minusbereichen durch seinen kühlen Alltag. Keine Grundlage für einen gesunden Neubeginn. Barbara machte die Situation nicht besser. Sein Empfinden zirkelte einzig und allein um einen Menschen, der sich längst ein anderes Leben gebaut hatte. Der so weit von ihm entfernt war wie Petropawlowsk-Kamtschatski und so ungreifbar. Der einzige Unterschied war nur: Mit Petropawlowsk-Kamtschatski verband ihn nichts (…). Auf Elke aber hatte er Wurzeln geschlagen, die in die Tiefe reichten. Er hatte sich auf ihr ausgebreitet mit einem Selbstverständnis, das sich nicht gehörte. Jetzt fehlte sie überall. Nichts gab ihm mehr ein Zuhause, alles griff ihn an, bedrängte ihn, war ihm fremd. Es machte keinen Unterschied, ob er in Petropawlowsk-Kamtschatski oder Österreich leben oder einfach nur in Neapel bleiben würde. […]
<p>In der Altstadt offenbarte sich auch die Seele Neapels im Bündel. Ein bunter Strauß an Menschen, der sich geschickt um all diese Dinge, die selten mehr Wert hatten, als den Überfluss zu verzieren, herumarrangierte und laut ins Leben blickte. An keinem anderen Ort gelangte das Proletariat zu einer vollendeteren Ausführung als in Neapel. Hier stimmte alles. Und der Ausdruck der Zügellosigkeit und Undiszipliniertheit spiegelte sich in den erstaunlichsten Zügen dieser Gesichter wider. Kein Theater hätte eine ausdrucksstärkere Kompanie auf die Bühne gebracht, als das die Stadt tat. Und dabei war Theater nicht einmal der gebührende Ausdruck für das Treiben in dieser Stadt. Es war ein Zirkus, ein andauernder, ausgelassener, ungestümer Zirkus, der rund um die Uhr unablässig Vorführungen der unterschiedlichsten Couleur darbot und in den Feuerwerken, die jeden Tag zu jeder beliebigen Uhrzeit aus irgendeinem Eck der Stadt zu hören waren, man hatte den Eindruck, sie wurden planlos inszeniert, vielleicht aus Langeweile, aus Übermut oder aus Angriffslust, aus dem Bedürfnis heraus, gehört zu werden, in diesen Feuerwerken fand der Zirkus seine absurde Bestätigung und seinen Höhepunkt. […]
<p>Neapel wühlte in Blum wie ein Ameisenhaufen. Wie ein Labyrinth, das übervoll war von Wegen und den Möglichkeiten, diese zu nehmen. Er brauchte klare Strukturen zum Ausgleich für sein ohnehin schon chaotisches Denken. Am liebsten waren ihm große, leere Flächen. In Neapel aber war kein Fleck leer. Das Chaotische setzte sich um ihn herum einfach fort. Als würde die Stadt seine Gedankenstruktur nach außen transformieren, als liefe er schon seit Stunden durch die Wirren seines eigenen Denkens. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>11 Nasce Matteo Fiore</h4>
<p>Moussad Madesh begegnete Blum im Traum. So, wie vieles, das für einen Moment aus der Dunkelheit seiner Seele emporloderte und ihn entrückt zurückließ. Moussad hatte die Aura eines Zauberers, und wäre Blum eine Frau gewesen, er wäre ihm auf der Stelle verfallen. Moussad war dunkel, kräftig und undurchschaubar. Blum war fasziniert von ihm, er bewegte sich im Kreis um ihn herum, angezogen und abgestoßen gleichermaßen.</p>
<p>Dann folgte er Moussad auf den Basar, war wieder in der Altstadt von Neapel und doch nicht, ging eine dunkle, schmale Gasse, die entlang eines breiten Flusses führte. Die Stände der Händler reihten sich dicht aneinander, wie ein Tunnel schirmten die Dächer den Himmel nach oben hin ab. Es dämmerte bereits, das Licht war gelblich, dunkle Gestalten boten undurchsichtige Dinge feil. Blum blieb an einem Stand stehen, der Menschenpuppen verkaufte. Kleine, süße Puppen, meist Knaben, wenige Mädchen. Sie saßen da, verängstigt, aneinandergedrängt. Blum wagte nicht, sie anzufassen. Die Händlerin, eine proportionslose, ältere Person, kam auf ihn zu und drängte ihn, sich die Puppen genauer anzusehen. Da entdeckte Blum zwischen all den schönen, kleinen Geschöpfen eine Puppe, die besonders hässlich war. Es war eine alte Frau, schütteres, weißes Haar, zerfurcht im Gesicht, rot unterlaufene Augen, die Iris glich einem Netz aus Adern und Enttäuschungen. Blum war entsetzt. Für einen Moment hatte er vergessen, wie viele Facetten das Leben haben konnte. Dass man irgendwann durch alte Augen in eine Welt blickte, während die Seele unversehrt jung blieb. Und nichts dagegen machen konnte. […]
<p>Blum bekam Angst. Angst, irgendwann so dazusitzen wie diese alte Menschenpuppe, schwach und zerbrechlich, und alles bereits hinter sich zu haben. Doch was war das Leben schon? Würden irgendwann nicht alle so dasitzen wie sie? „Ich bin ein Planet“, sinnierte er, „ich habe die Gabe, um meine eigene Achse zu rotieren und immer wieder am Anfang anzukommen. Immer wieder ein neuer Tag, ein neuer Sonnenaufgang, eine neue Tasse Kaffee. Und immer wieder eine Nacht an diesem immer gleichen Ende, die mich unruhig und doch träge hinüberschaukelt zum neuen, wieder gleichen Anfang. Und dazwischen – nichts.“ […]
<p>Elkes und Blums Wesen waren von zu unterschiedlicher Konstitution, trotzdem hatte sie die Beziehung an der Oberfläche in gewisser Weise aufeinander zugeschliffen, eine unkonturierte Masse aus ihnen geknetet, aus der mit der Zeit nur noch vereinzelt ein Funke von Individualität eruptierte. Er erinnerte sich: Da war einmal er, und da war einmal Elke. Irgendwann sprachen sie gleich, bewegten sich gleich, zogen sich gleich an, sahen in gewisser Weise sogar gleich aus. Man konnte sie, streng genommen, nur noch an den Geschlechtsteilen voneinander unterscheiden. Er hieß Schatz, und sie hieß Schatz. Wenn es so weitergegangen wäre, hätten sie ihre Namen irgendwann vergessen. […]
<p>&nbsp;</p>
<h4>12 Lamenti und das Ende</h4>
[…] „Jetzt bist du bis hierher gekommen, jetzt kannst du auch bleiben“, sagte Lamenti. „Nimm dir ein Beispiel an ihm, er bleibt für immer.“ „Wie soll ich mir ein Beispiel an ihm nehmen“, fragte Blum, „er ist tot.“ „Und streift doch noch mehr durch unsere Gemüter, als du es jemals tun wirst.“ „Wie könnte ich auch“, meinte Blum, „es wäre vermessen, das zu verlangen.“ „Aber du hinterlässt keine Spuren, du bist nirgends“, sagte Lamenti, „weder da noch dort. Dort bist du nicht, weil du ja eigentlich hier bist. Und hier bist du auch nicht. Wo bist du also?“</p>
<p>Blum dachte nach. Vielleicht stand er gerade jetzt am Schädel des großen Mannes, vielleicht drückte er auf sein Nasenbein, traf ihn unangenehm in der Magengegend. Es war egal. Alles war egal. Seine Knochen waren nur mehr eine staubige Erinnerung an eine sehr alte Zeit, sein Körper ein Gefäß, das löchrig geworden war. Das war also nicht ausschlaggebend.</p>
<p>„Jeder bekommt eine mehr oder weniger freundliche Hülle um seine Gedanken gewickelt, die er dann durch sein Leben zu transportieren hat“, sagte Moussad Madesh zu Blum im Traum. „Und am Ende gibt er sie wieder ab. So einfach ist das.“ […]
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		<title>gewissheit kippt wiege in der ich mich</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/gewissheit-kippt-wiege-in-der-ich-mich/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>I</strong>
habe ich schon gesagt, dass es anders kommt, als man denkt, und dass man anders denkt, als man will? ich wollte, dachte ich, mit dir, und jetzt kam es, obwohl ich nicht wollte, dass es so käme, als ich dachte, es käme anders und. ich wollte. was dachtest du.]]></description>
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		<h4><strong>I</strong></h4>
<p>habe ich schon gesagt, dass es anders kommt, als man denkt, und dass man anders denkt, als man will? ich wollte, dachte ich, mit dir, und jetzt kam es, obwohl ich nicht wollte, dass es so käme, als ich dachte, es käme anders und. ich wollte. was dachtest du.</p>
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		<h4><strong>II</strong></h4>
<p>habe ich schon gesagt, dass ich es nicht mag, gelassen zu werden? sitzen. stehen. links liegen. fühlt sich keiner. und wohl sein heißt frei sein. ich fliege. wer hat den toten vogel aus meinem garten geräumt?</p>
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		<h4><strong>III</strong></h4>
<p>habe ich schon gesagt, dass ich es liebe, den kopf zu schmerzen? gedanken wie tabletten einzuwerfen. und den süßen film von bittren pillen zu lutschen. und nicht schlafen können und du als negationspartikel in meinem satz in meinem satz du als nicht ohne den ich. könnte bitte jemand das licht abdrehen?</p>
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		<h4><strong>IV</strong></h4>
<p>habe ich schon gesagt, dass dein weniges ein vieles ist für mich? eine einfache multiplikation. ein einfacher satz. ein wort das wiegt. das wiegt alles böse auf im tag. der kommt und geht. dein weniges wird mal und mehr mit einem mal. wird viel wird sehr und wird zu. mal mit einem mehr. und ich. wäre traurig. ohne dein. wort.</p>
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		<h4><strong>V</strong></h4>
<p>habe ich schon gesagt, dass ich nicht aufhören kann zu denken? an dich. durchdenken. mich. überdenken. die lage. und ich sitze. jetzt. wo ich immer sitze. wo ich tage vertage. wo ich schreibe. wo ich bin. und vor mir ein bildschirm. ein summen im hintergrund. irgendwann höre ich nicht und mehr. es gehört hier und her. wie das ticken einer uhr. wie das schlagen eines herzens. ich sitze. ich schreibe. und ich denke. an dich. denke. an dich. denke. an dich. schreiben. sitzen. komödien entwerfen. in kopfskizzen planen. in bahnen lenken. überdenken. die lage. und tage versitzen. und warten. das schlagen des herzens. jetzt höre ich es doch.</p>
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		<title>Revolution</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/revolution-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>Erzählung</strong></br>
Kurz nach Ostern fuhren wir über das Reh. Das sei nun aber das Gegenteil von Auferstehung, sagtest du, und grauenhaft sei es obendrein gewesen, dieses Knacken unter den Rädern, ein Gemisch aus brechenden Knochen und weichem Fleisch, das sich lose um alles arrangierte. Und wie es nachgab, als wir es durchspurten, vielleicht war es noch warm, dampfte noch, wir sahen nichts, es war dunkel, konnten nur im letzten Moment dieses leblose Bündel Etwas auf der Fahrbahn erkennen, diesen Rest irdischen Daseins.

Danach schwiegen wir, eine Weile, schließlich trennten wir uns. Aber das hatte nichts mit dem Reh zu tun. Es kam überraschend, das Reh. Oder die Trennung. Man könnte sagen, das Reh kam der Trennung in die Quere. Oder umgekehrt. Man könnte sagen, auch das noch, auch noch ein Reh auf der Fahrbahn, das braucht es nicht. Aber es machte keinen Unterschied.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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		<title>Der Realitätenhändler</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/der-realitaetenhaendler/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:50:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Gleich hinter dem Brunnen stand ein Haus. Die Schrift über dem Laden war schwer zu lesen. Ein Wasserstrahl, der aus dem steinernen Gefäß der Brunnennymphe in den Himmel schoss, störte den Blick. Enrico Scaloppino betrat den Laden am frühen Nachmittag. Guten Tag, sagte er, ich bin auf der Suche nach einer neuen Realität. Da sind Sie hier richtig, sagte der Mann hinter dem Tresen, nur zu, kommen Sie näher, keine Scheu. Was haben Sie zu bieten?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: left;"><strong>Per S., scritto a Napoli, 31/12/2016</strong></p>
<p>Gleich hinter dem Brunnen stand ein Haus. Die Schrift über dem Laden war schwer zu lesen. Ein Wasserstrahl, der aus dem steinernen Gefäß der Brunnennymphe in den Himmel schoss, störte den Blick.</p>
<p>Enrico Scaloppino betrat den Laden am frühen Nachmittag. Guten Tag, sagte er, ich bin auf der Suche nach einer neuen Realität.<br />
Da sind Sie hier richtig, sagte der Mann hinter dem Tresen, nur zu, kommen Sie näher, keine Scheu. Was haben Sie zu bieten?<br />
Nicht viel, sagte Scaloppino, Geschäftsmann ein Leben lang, jetzt in Pension. Ich war erfolgreich, glauben Sie mir, aber als ich ging, scherte das keine Seele auch nur einen Deut. Ich habe viel getan für alle, immer auf die Menschen um mich geachtet, ich habe sie nie im Stich gelassen. Aber sie haben es mir nicht gedankt. So ist das eben, so gemein geht es zu, man kann sich verausgaben all die Jahre, kann leisten und bringen und wird nicht dafür belohnt. Man ist nur eine Momentaufnahme in diesem ganzen Treiben, eine Vergänglichkeit an sich, ein Übergang zu irgendetwas anderem hin.</p>
<p>Nun übertreiben Sie nicht, sagte der Realitätenhändler, so schlecht ist die Welt doch gar nicht. Ich vermute, es sind nicht die Menschen, die versagen, es sind Ihre eigenen Erwartungen, die Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Sie haben sich in gewisser Weise selbst enttäuscht.<br />
Glauben Sie?, fragte Scaloppino zweifelnd, das heißt, man sollte nichts erwarten, um nicht enttäuscht zu werden?<br />
Ja, genau, das glaube ich. Man sollte nichts erwarten. Das heißt aber nicht, dass man nichts anstreben soll. Aber die Reaktion der anderen Menschen auf das eigene Leben, die muss man auch den anderen überlassen. Sie können nur für Ihr eigenes Handeln Verantwortung übernehmen, nicht aber für das der anderen. Sie sind mit sich selbst zufrieden, Sie waren erfolgreich, wie Sie sagten, also freuen Sie sich! Es wird einen Grund geben, der Sie zu dieser Annahme bringt, Sie werden es nicht unkritisch heraussagen. Gerade Sie nicht.<br />
Da haben Sie Recht, sagte Scaloppino, so habe ich das Ganze noch gar nicht betrachtet. Ich bin zufrieden mit dem, was ich geleistet habe. Ich bin reich in jeder Hinsicht.<br />
Sehen Sie, sagte der Realitätenhändler, das ist doch die Hauptsache. Also, ich notiere: erfolgreicher Geschäftsmann über viele Jahre. Reisender auch?<br />
Ja, Reisender, sagte Scaloppino, ich war viel unterwegs in der Welt, kenne die Kulturen, kann mit Menschen umgehen.<br />
Gut, also auch Reisender. Ich notiere außerdem dazu: umgänglich, beliebt und aufgeschlossen. Sind Sie einverstanden?<br />
Ich denke ja, sagte Scaloppino, ich möchte nicht überheblich wirken.<br />
Nur keine Zurückhaltung, sagte der Realitätenhändler, es geht hier um Sie, deshalb heraus mit allem, besonders mit den guten Dingen! So, weiter nun: Familie, nehme ich an?<br />
Ja, Frau, zwei Kinder.<br />
Standard also, sagte der Realitätenhändler. Einfamilienhaus mit Garten?<br />
Stimmt, Haus, Garten.<br />
Hund?<br />
Nein, kein Hund.<br />
Auch gut, das wäre Standard plus, sagte der Realitätenhändler, aber den brauchen wir nicht. Standard allein ist schon eine gute Grundlage. Damit erreicht man all jene, die es nicht dazu gebracht haben. Die Individualisten, verstehen Sie?<br />
Ich verstehe, sagte Scaloppino. Und Sie glauben, die wünschen sich das alles? Frau, Kinder, Haus mit Garten?<br />
Bestimmt, sagte der Realitätenhändler, bestimmt. Sie möchten doch auch das, was Sie nicht haben. Es geht nicht nur Ihnen so. Was glauben Sie, warum ich seit 40 Jahren hier in meinem Laden existiere, hinter dieser wild gewordenen Wassernymphe, die jedem die Sicht auf mein Dasein versperrt? Ich existiere, weil es ein Grundanliegen der Menschen ist, immer das haben zu wollen, was sie gerade nicht haben. Immer das andere ist das Gute, es ist schon merkwürdig.<br />
Also bin ich auch darin Standard?, fragte Scaloppino.<br />
Könnte man so sagen, antwortete der Händler, aber das ist nebensächlich. Ich beurteile Sie nicht, ich werde Sie weder davon abhalten, Ihre Realität herzugeben, noch Sie dazu ermuntern. Ich bin kein Pfarrer. Sie selbst entscheiden, was Sie wollen. Ich muss Ihnen nur ein paar Fragen stellen. Also, wo waren wir: Frau, Kinder, Haus mit Garten, das Standardpaket. Und zufrieden damit?<br />
Ja. Durchaus. Meine Kinder sind fabelhaft, alle beide.<br />
Und die Frau?<br />
Auch. Natürlich.<br />
Sonst noch?<br />
Eine Geliebte.<br />
Ach, sagte der Realitätenhändler und blickte einen Moment von seinem Notizblock hoch, in den er Scaloppinos Leben eifrig eingetragen hatte. Eine Geliebte also. Da schau her, Standard Premium. Das ändert natürlich die ganze Angelegenheit.<br />
Inwiefern?, fragte Scaloppino. Ist das schlecht?<br />
Nicht direkt, sagte der Realitätenhändler, das ist eigentlich ganz gut. Das macht die Sache spannender. Schlecht aussteigen werden Sie damit nur bei denen, die das moralisch verwerflich finden. Die gibt es natürlich auch. Aber es gibt für alles Abnehmer, keine Sorge. Also, eine Geliebte. Und, zufrieden damit?<br />
Ja, durchaus. Sehr sogar, sagte Scaloppino.<br />
Seit wann?<br />
Seit zwei Jahren.<br />
Die Ehefrau ahnt nichts?<br />
Natürlich nicht, sagte Scaloppino, das ist doch der Sinn einer solchen Liaison, wenn ich nicht irre.<br />
Ja, kann sein, das ist er wohl, sagte der Realitätenhändler. Also, ich fasse zusammen: erfolgreich im Beruf, Reisender und Menschenkenner, großartige Kinder, eine liebenswerte Frau und eine noch viel entzückendere Geliebte. Jünger, nehme ich an.<br />
Ja, jünger, antwortete Scaloppino, warum interessiert Sie das so sehr?<br />
Es muss mich interessieren, sagte der Händler, ich soll Ihre Realität schließlich vermarkten. Ich muss sie an den Mann bringen, verstehen Sie? Und da darf nichts unbedacht bleiben. Macht sie Probleme?<br />
Wer?, fragte Scaloppino.<br />
Die junge Geliebte, antwortete der Realitätenhändler.<br />
Nein, eigentlich nicht. Sie hat ihr eigenes Leben, ihre eigene Familie. Ich denke, Sie ist glücklich damit.<br />
Sie denken, so so. Haben Sie sie gefragt?<br />
Na ja, nicht so direkt, antwortete Scaloppino. Ich habe ihr aber auch nie etwas vorgemacht. Ich habe ihr immer gesagt, wie die Dinge stehen, dass ich Frau und Kinder nicht verlassen werde. Würde sie das belasten, würde ich unser Verhältnis sofort beenden. Im guten Einvernehmen, versteht sich.<br />
Natürlich. So einfach stellen Sie sich das also vor, sagte der Realitätenhändler. Ich notiere zwei Sachen: eine junge Geliebte, die keine Probleme zu machen scheint, Standard de Luxe. Aber auf der anderen Seite auch eine gewisse emotionale Unzulänglichkeit ihrerseits.<br />
Wie meinen Sie das?, fragte Scaloppino. Ich habe ihr immer klar gesagt, wie das Spiel funktioniert. Ich mag sie sehr, sie liegt mir am Herzen und ich möchte sie ganz bestimmt nicht verletzen.<br />
Ja, natürlich nicht, sagte der Realitätenhändler. Sie sind ein Menschenfreund. Und Sie sind ein Menschenkenner, zumindest oberflächlich betrachtet. Ich gebe hier nur zu bedenken: Nicht jeder Mensch ist in der Lage, Gefühle so von sich fernzuhalten, wie Sie das anscheinend können. Sie spielen in einem Bereich, der sehr viele Nuancen hat, die sich mit jeder Begegnung, mit jedem Gespräch, ja mit jedem Blick verschieben können, verstehen Sie? Ihre Geliebte kann im einen Moment noch mit der Sache zurechtkommen, im nächsten aber schon nicht mehr. Eine aufregende Nacht, vielleicht nur ein paar gemeinsame Stunden, eine liebevolle Geste und es kann um sie geschehen sein.<br />
Sie bedrängen mich, sagte Scaloppino. Was werfen Sie mir vor? Ich bin nicht hier, um mich zu rechtfertigen.<br />
Natürlich nicht, verzeihen Sie, sagte der Realitätenhändler. Ich muss nur wissen, wie ich Sie einordnen kann. Bleiben wir also bei Standard Premium, das macht die Sache einfacher. Ich frage mich nur, warum Sie sich so verschließen? Warum für Sie alles einer mathematischen Aufgabe zu gleichen scheint? Ich muss notieren: Kopfmensch, Analytiker.<br />
Gut, meinetwegen, sagte Scaloppino. Notieren Sie das so. Ich agiere nur im Rahmen meiner Möglichkeiten, ich bin nicht bösartig.<br />
Nein, das sind Sie in der Tat nicht, sagte der Realitätenhändler. Aber ich stelle auch in dieser Angelegenheit fest, dass Sie deutliche Erwartungen an Ihr Gegenüber haben. Konstante Gefühlsschranke, die es einzuhalten gilt. Sie haben das Profil eines Vorgesetzten, der gern fordert. Waren Sie in leitender Position tätig?<br />
Ja, war ich, sagte Scaloppino.<br />
Sehen Sie, das entspricht Ihrem Naturell. Ich notiere: Führungsqualitäten.<br />
Es geht eben jeder anders mit der Liebe um, sagte Scaloppino. Und das ist doch auch in Ordnung so.<br />
Ach, sagte der Realitätenhändler, jetzt sprechen Sie von Liebe? In welchem Zusammenhang? Um wen geht es hier nun? Um Ihre Familie, um Ihre Geliebte oder um Sie selbst?<br />
Ich fühle mich nicht wohl, sagte Scaloppino. Er war blass geworden und stützte sich am Tresen ab, weil ihn die Kraft zu verlassen drohte.<br />
Wir sind gleich fertig, sagte der Realitätenhändler, nur eine Frage habe ich noch an Sie.<br />
Bitte, sagte Scaloppino, fragen Sie!<br />
Warum wollen Sie Ihr Leben loswerden? Ein erfolgreicher Geschäftsmann in leitender Position, absolute Führungsqualitäten, analytisch-durchdachtes Herangehen an komplexe Situationen, welterfahren, reisetauglich, offen, ein Menschenkenner und großer Menschenfreund, schickes Haus mit Garten und sonstigen materiellen Annehmlichkeiten, wunderbare Frau, zwei wohlgeratene Kinder, eine junge Geliebte, die keine Probleme zu machen scheint. Was wollen Sie noch?</p>
<p>Scaloppino schwieg. Er schaute sich im Laden um, als suchte er nach etwas, an dem er sich festhalten konnte, wenn auch nur verbal, ein Gesprächsthema, das ihn aus seiner Lage rettete, in die er sich selbst manövriert hatte. Aber im Laden war nichts. Außer hohe, massive Holzregale, die leer waren, ein Tresen, der bis auf den Notizblock, auf dem nun in wenigen Zeilen Scaloppinos Leben zusammengefasst war, leer war. Hier ist nichts, sagte Scaloppino plötzlich.<br />
Hier ist alles, sagte der Realitätenhändler. Alles, was Sie brauchen, finden Sie in diesem Laden. Sie sehen es nur nicht.<br />
Wer sind Sie?, fragte Scaloppino, was haben Sie vor? Handeln Sie nun mit Realitäten oder nicht?<br />
Doch, das tue ich, sagte der Händler, das, was ich mit Ihnen mache, ist das normale Vorgehen. Routinefragen, die ich stellen muss, bevor ich Sie in die Kartei aufnehmen kann.<br />
Und wo bewahren Sie diese Kartei auf?, fragte Scaloppino. Offensichtlich nicht in den Regalen hinter Ihnen. Dort ist nichts!<br />
Na ja, sagte der Realitätenhändler, dort ist nichts, weil ich gut im Handeln bin. Sie bekommen Ihr neues Leben, keine Sorge. Dann griff er unter den Tresen und holte eine Art Liste hervor.</p>
<p>Also, schauen Sie her. Wir haben: die Standardpakete. Ich vermute, die scheiden für Sie aus, die hatten Sie ja schon. Dann haben wir die Individualistenpakete, die Abenteurerpakete und die Extremistenpakete. Es gäbe dann noch vereinzelt Angebote für Wahnsinnige und ein paar Eremitenpakete. Hier ist die Auswahl allerdings auch nicht besonders vielfältig. Die scheinen ihr Leben zu mögen.<br />
Gut, sagte Scaloppino, Wahnsinn interessiert mich nicht, die Eremiten ebenfalls. Das kann ich ausschließen.<br />
Das dachte ich mir schon, sagte der Realitätenhändler, dafür sind Sie zu vernünftig. Wie steht&#8217;s denn mit gutem, gediegenem Essen? Ein schöner, schwerer Rotwein aus dem richtigen Glas getrunken, Pasta mit Trüffeln aus Umbrien. Wie klingt das für Sie? Sind Sie dem zugetan?<br />
Was machen Sie hier mit mir?, fragte Scaloppino, Sie durchleuchten mich auf eine sehr unangenehme Art.<br />
Das ist nicht meine Absicht, sagte der Realitätenhändler, ich frage Sie nur, weil ich auch ein Genießerpaket im Repertoire hätte. Sollten Sie diese schöne Eigenschaft des ausschweifenden Kulinarismus nicht aufgeben wollen, wäre das eventuell etwas für Sie.<br />
Ich weiß nicht, sagte Scaloppino, ich weiß nicht, ich möchte mich nicht darauf kaprizieren. Haben Sie denn nichts Kreatives? Irgendetwas mit mehr Phantasie?<br />
Ja, natürlich, habe ich: die Künstlerpakete. Sie können wählen zwischen Maler, Schreiber, Filmer, Aktionskünstler. Wobei Letzteres, ich muss Sie warnen, schon sehr in die Nähe des Pakets für Wahnsinnige zielt.<br />
Filmer, sagte Scaloppino spontan, Filmer ist gut! Das klingt spannend und abwechslungsreich. Das erlaubt mir zu reisen, mich mit Leuten zu unterhalten, Situationen zu hinterfragen, ich kann analysieren und bin dennoch kreativ, ich denke, das würde zu mir passen.<br />
Gut, sagte der Realitätenhändler, wenn Sie glauben, das wäre das Richtige für Sie, sehe ich gleich in meine Kartei. Sagen Sie mir nur noch, in welchem Genre Sie sich wohlfühlen würden? Lieben Sie das große Hollywoodkino oder hat es Ihnen mehr die Nische angetan?<br />
Ich denke, sagte Scaloppino überzeugt, dass ich das große Hollywoodkino jetzt lange genug hatte. Den Glamour und das Geglitzer dieser reinen und kristallgeschliffenen Scheinleben. Ich denke, es ist nun Zeit für die Nische.<br />
Die Nische also, sagte der Realitätenhändler, dachte ich&#8217;s mir doch. Nun gut. Sie verzichten also freiwillig auf die Oscars?<br />
Na ja, sagte Scaloppino, das muss ja nicht zwangsläufig so sein, ich werde gut sein in dem, was ich mache. Ich kann es auch so schaffen.<br />
In Ordnung, also Nischenfilmer mit Aussicht auf Erfolg, renommierte Preise inklusive. Die finanziellen Mittel wären in diesem Fall vorhanden, wenn auch nicht konstant. Das heißt, Sie müssten von nun an etwas flexibler werden.<br />
Das habe ich vor, sagte Scaloppino, damit kann ich mich arrangieren.<br />
Was es allerdings nicht gibt, ist eine Familie. Keine Frau, keine Kinder. Dafür Freiheit und Sie können sich nach Lust und Laune durch Ihr Leben bewegen, ohne Rücksicht auf jemanden zu nehmen.<br />
Und Geliebte?, fragte Scaloppino.<br />
Das scheint Ihnen ja überaus wichtig zu sein, merkte der Realitätenhändler an. Die gibt es natürlich, mehrere sogar. Einmal diese, einmal jene. Wobei der Begriff etwas ausgedehnter zu verstehen ist. Sie sind Künstler und haben Erfolg, Sie sind bekannt, vergessen Sie das nicht, das gefällt den Frauen! Sie können sich so viele Geliebte nehmen, wie Sie möchten. Die Palette ist reichhaltig – von jungen bis alten, schönen bis weniger schönen, intelligenten, interessanten, zurückhaltenden, aufdringlichen bis hin zu unverfrorenen Frauen. Jedes Land, jede Kultur hat mehr als genug zu bieten. Sie nehmen sich das, was Sie möchten.<br />
Und dann?, fragte Scaloppino. Was mache ich, nachdem ich mir genommen habe, was ich möchte?<br />
Und dann sind Sie wieder weg, sagte der Realitätenhändler. Sie machen sich in gewisser Weise aus dem Staub, aber in sehr charmanter Weise. Sie sind nämlich ein Menschenfreund, offen, beliebt, ein Kenner und Verhaltensstudierer, Sie haben das Talent, auf Menschen zuzugehen und diese unverzüglich für Ihre Belange einzunehmen. Das funktioniert einwandfrei! Und mit Ihrer charmanten, unaufdringlichen und ein wenig kindlichen Art sind Sie ein Volltreffer für jede Frau, die auch nur halbwegs im Einklang mit ihren weiblichen Instinkten ist.</p>
<p>Das hört sich vielversprechend an, sagte Scaloppino. Aber wo ist der Haken?<br />
Es gibt keinen Haken, sagte der Realitätenhändler. Sie können bis in alle Ewigkeit so dahinleben. Ihr Leben ist ein einziges Abenteuer. Sie reisen ständig durch die Welt, kennen keinen Alltag, Sie haben mit aufregenden Menschen zu tun, mit außergewöhnlichen Situationen. Sie nehmen sich immer genau das, wonach Ihnen im Moment ist, Sie genießen das Jetzt. Sie gleichen einem Seefahrer, der viele Häfen kennt. Und Sie werden meistens sehr wohlwollend empfangen. Dafür geben Sie aber auch viel, Ihre ganze Leidenschaft, Ihren Mut und manchmal fast Ihr Leben. Aber das, was Sie schaffen, hat Wert. Und es beeindruckt die Frauen, sagte der Realitätenhändler und lachte.<br />
Scaloppino überlegte. Gut, zusammengefasst bedeutet das nun also: Ich habe Erfolg, Geld und Frauen. Ich lebe meine Leidenschaft. Ich habe unzählige Möglichkeiten und keinen Alltag. Da stimmt doch etwas nicht.<br />
Warum nicht, fragte der Realitätenhändler, woran zweifeln Sie?<br />
Was ist, wenn ich mich verliebe?, fragte Scaloppino. In eine der vielen Frauen, die ich habe. In gewisser Weise liebe ich sie ja alle, vermute ich. Aber was ist, wenn ich mich wirklich verliebe?<br />
Na ja dann, sagte der Realitätenhändler, dann machen Sie sich umso hartnäckiger aus dem Staub. Dann reden Sie sich am besten ein, dass das kein lukrativer Tausch ist, bei einer zu bleiben, wo sie doch viele haben könnten. Und diese vielen auf eine noch viel bessere und konfliktfreiere Art und Weise. Sie müssen nur wissen, wo Ihre Grenze ist, Sie müssen wissen, wann Sie aufhören sollten, sich mit einem Menschen zu konfrontieren. Sie dürfen keine Zugeständnisse machen und Sie müssen immer unverbindlich bleiben. Unverbindlich, aber charmant. Und liebevoll, überaus liebevoll. Das ist das Geheimnis. Das dürfte doch gerade Ihnen nicht schwer fallen, sagte der Realitätenhändler. Sie wissen doch, wie das geht. Sie haben eine Geliebte seit mehreren Jahren und behaupten auch jetzt noch, dass diese keine Probleme mache.<br />
Ja aber, sagte Scaloppino.<br />
Kein Aber, Scaloppino, antwortete der Realitätenhändler, hier gibt es kein Aber. Sie werden doch jetzt nicht anfangen, sich über einen Sachverhalt Gedanken zu machen, der Ihnen in Ihrer Realität als ganz eindeutig erscheint. Ich gebe Ihnen einen Tipp: Sie verlieben sich, so oft und so umfassend, wie Sie nur wollen. Immer wieder aufs Neue. In eine immer wieder neue Frau. Jede Frau kann auf ihre Weise ganz entzückend sein! Sie verlieben sich und genießen es, sind sanft, einfühlsam, Sie geben sich ganz hin, Sie gehen auf in den schönen Momenten zu zweit, Sie sind der Frau der beste Liebhaber. Wie sollte es auch anders sein &#8211; Sie lieben ja wirklich, in diesem Moment. Aber dann, Scaloppino, gleich danach, ich rate Ihnen: Machen Sie sich aus dem Staub! Laufen Sie, so schnell Sie nur können! Verabschieden Sie sich unter fadenscheinigen Vorwänden, man wird es Ihnen glauben, schließlich sind Sie in Ihrer ganzen Kunst auch dem Leben gegenüber ein Künstler. Ständig unterwegs, immer auf Durchreise, Sie stehen nie still. Laufen Sie, fliegen Sie, flattern Sie meinetwegen, aber schauen Sie, dass Sie davonkommen. Sonst sitzen Sie fest!</p>
<p>Das klingt anstrengend, sagte Scaloppino. Ich verstehe nicht, wie Sie das gut heißen können, während Sie die Liaison zu meiner Geliebten bis ins kleinste Detail hinterfragen.<br />
Wer sagt, dass ich das gut heiße, antwortete der Realitätenhändler, ich beurteile es nicht. Ich versuche nur, Ihnen eine neue Realität zu verkaufen. Und diese hier habe ich gerade im Angebot. Sie müssen Sie im Ganzen nehmen, ich kann Ihnen nicht Teile davon anbieten. Und Sie müssen sich schnell entscheiden, die Realität ist noch auf Option. Und ehrlich gesagt befürchte ich, dass sie der Monsieur, der sie angeboten hat, wieder zurückziehen wird.<br />
Ein Franzose also, sagte Scaloppino, wie sollte es auch anders sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Herr sein Angebot wieder zurückziehen wird, wer gibt schon ein solches Leben freiwillig her?<br />
Ja, wer gibt schon ein solches Leben freiwillig her, wiederholte der Realitätenhändler. Wenn es nur diese Seite der Realität gäbe, bestimmt niemand. So lange Sie die Kraft haben zu laufen, ist dieses Leben herrlich. Und wenn Sie das bis zum Schluss Ihrer Tage schaffen mit der immer gleichen Überzeugung, dann haben Sie ohne Zweifel das Beste aus Ihrem Dasein gemacht.<br />
Eigentlich spricht nichts dagegen, sagte Scaloppino, dass dies nicht gelingen sollte. Gibt es denn auch Schattenseiten in meinem neuen Leben?, fragte er, bin ich niedergeschlagen, zweifle ich viel?<br />
Ach, niedergeschlagen, sagte der Realitätenhändler, niedergeschlagen würde ich nicht sagen, melancholisch vielleicht. Mal mehr, mal weniger. Manchmal etwas umfassender als üblich. Und Sie zweifeln, natürlich, Sie sind ein Künstler.<br />
Aber woran? Was fehlt mir?, fragte Scaloppino.<br />
Nichts Offensichtliches, antwortete der Realitätenhändler, möglicherweise aber eine Konstante. Oder die Liebe an sich, obwohl Sie diese in sich tragen und jedem geben können. Aber bei all dem Gefühl in Ihnen und um Sie herum spüren Sie manchmal gar nichts mehr. Da sind Sie einfach nur leer im Herzen. Und dann haben Sie keine Lust mehr auf Menschen, weder auf die vertrauten noch auf die fremden, weil Sie sie nicht mehr fühlen können. Das ist die andere Seite der Geschichte. Aber sorgen Sie sich nicht, Scaloppino, Sie werden damit umgehen können. Sie tragen Ihre perfekt tarierte Gefühlsschranke ja schon längst mit sich durchs Leben. Fragen Sie Ihre Geliebte, sie wird das bestätigen.<br />
Ich bin nie vor ihr davongerannt, sagte Scaloppino, ich habe mich der Situation gestellt.<br />
Ja, haben Sie, jeder geht anders mit der Liebe um, nicht wahr?, antwortete der Realitätenhändler. Sie haben sich Ihren Fluchtschein gleich im Vorhinein von ihr abstempeln lassen. Sie haben nie ganz aufgemacht, um dann nicht wieder zumachen zu müssen. Sie haben sich mit ihr auf ein Mittelmaß geeinigt. Ohne sie vorher um ihr Einverständnis zu fragen, nehme ich an. Somit mussten Sie dann auch nicht laufen. Sie konnten beruhigt gehen und sich dabei sogar noch umdrehen und ihr zuwinken. Also, Scaloppino, trauen Sie sich! Sie können das! Lieben und laufen ist die Devise! Eine neue Erfahrung für Sie, aber sicher eine aufregende.</p>
<p>Wie lange kann ich darüber nachdenken?, fragte Scaloppino.<br />
Entscheiden Sie sich so schnell wie möglich, sagte der Realitätenhändler. Sie wissen, die Realität liegt auf Option, viel Zeit bleibt also nicht.<br />
Ich weiß, sagte Scaloppino, aber ich bin nicht sicher, ob ich das möchte. So viele, immer wieder neue Menschen. Ich kann sie nicht alle lieben, ich kann mir noch nicht einmal vorstellen, dass ich das will.<br />
Der Realitätenhändler lachte. Keine Sorge, daran gewöhnen Sie sich, sagte er und klopfte Scaloppino auf die Schulter. Ich nehme an, Sie möchten Ihre Realität auch auf Option anschreiben?<br />
Ja, das würde ich gerne, sagte Scaloppino, wenn das geht?<br />
Natürlich geht das, sagte der Realitätenhändler, ich bin kein Dieb.<br />
Sehr gut, sagte Scaloppino, ich komme wieder.</p>
<p>Er reichte dem Realitätenhändler die Hand und verließ den Laden. Er ging zum Brunnen, lief zweimal im Kreis um ihn herum und wusste nicht mehr, aus welcher Richtung er vorhin den Platz betreten hatte. Er fühlte sich, als wäre ihm etwas Wichtiges abhanden gekommen. Etwas Grundlegendes. Aber er wusste nicht so recht, was es war.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>kleiner wässriger zyklus &#038; mehr</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/kleiner-wassriger-zyklus-mehr/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:49:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[<strong>ahoi//</strong>

ich
möchte bleiben
aber mein koffer muss weiter]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
		<div id="fws_690acabc42f28"  data-column-margin="default" data-midnight="dark"  class="wpb_row vc_row-fluid vc_row"  style="padding-top: 0px; padding-bottom: 0px; "><div class="row-bg-wrap" data-bg-animation="none" data-bg-animation-delay="" data-bg-overlay="false"><div class="inner-wrap row-bg-layer" ><div class="row-bg viewport-desktop"  style=""></div></div></div><div class="row_col_wrap_12 col span_12 dark ">
	<div  class="vc_col-sm-12 wpb_column column_container vc_column_container col no-extra-padding"  data-padding-pos="all" data-has-bg-color="false" data-bg-color="" data-bg-opacity="1" data-animation="" data-delay="0" >
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	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">ahoi//</h3>
<p style="text-align: center;">ich<br />
möchte bleiben<br />
aber mein koffer muss weiter</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484604883569" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">überseen</h3>
<p style="text-align: center;">ertrinken<br />
wirtrinken<br />
sietrinken</p>
<p style="text-align: center;">so kommt’s<br />
– doch noch –<br />
zu einem happy end</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484604916730" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">verschwommen</h3>
<p style="text-align: center;">verändern wir<br />
an den rändern<br />
nur die form</p>
<p style="text-align: center;">wenn wasser ausläuft<br />
und gedanken fließen<br />
der übergang</p>
<p style="text-align: center;">wird’s laut in mir und blau in mir und tief<br />
wird’s dunkel in mir und ruhig in mir<br />
ich schlief<br />
und merkte es nicht</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484604944144" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">quickie</h3>
<p style="text-align: center;">komm,<br />
vermeeren wir uns<br />
dir zu ehren<br />
am strand</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1487456450239" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">seensucht. schade/teil I</h3>
<p style="text-align: center;">wo bist du<br />
seeleneins<br />
du gleiches für mich<br />
du unsichtbare kraft</p>
<p style="text-align: center;">dein wandern<br />
abseits meiner pfade<br />
und doch<br />
immer bei mir</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1498991974546" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">napule</h3>
<p style="text-align: center;">weit ausgefranst<br />
die stadt<br />
am grunde dessen<br />
was sicht ist<br />
hinten – wassergetränkt –<br />
die inselrisse</p>
<p style="text-align: center;">der blick vom berg<br />
der feuerlos nun<br />
den kessel überragt</p>
<p style="text-align: center;">die nase voll pinie<br />
das farbenlichterloh<br />
der limonenwindhauch</p>
<p style="text-align: center;">ein wellenschlag<br />
mein augenschlag<br />
das chaosdolcevita</p>
<p style="text-align: center;">hier bleibe ich<br />
abgelegt<br />
meinen blick auf das<br />
was hintergründig<br />
sanft<br />
ins meer fällt</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605116789" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h2 style="text-align: center;">&amp; mehr</h2>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1503347008905" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">wieder unterwegs</h3>
<p style="text-align: center;"><strong>aus: versuch über den unsinn, mai 2016<br />
</strong></p>
<p style="text-align: center;">bin vagabund<br />
in meinem herzen<br />
ein loser gast nur<br />
an jedem ort<br />
bin wegbeschreiter<br />
bin hier bin weiter<br />
bin heute noch<br />
und wieder fort</p>
<p style="text-align: center;">bin tänzer<br />
in verworrnen klängen<br />
bin fremdes gut in trautem heim<br />
bin liebender<br />
bin freund bin retter<br />
bin ich bin viele<br />
bin allein</p>
<p style="text-align: center;">bin läufer<br />
auf verlassnen feldern<br />
bin traumgestalt<br />
ganz nah bei dir<br />
bin weltenquerer<br />
magieverfechter<br />
bin wieder unterwegs<br />
zu mir</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605792038" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">liebe</h3>
<p style="text-align: center;"><strong>aus: versuch über den unsinn, mai 2016<br />
</strong></p>
<p style="text-align: center;">wenn ich<br />
gewusst hätte<br />
dass ich mir begegne<br />
als ich dich traf<br />
hätte ich<br />
einen großen bogen<br />
um uns gemacht</p>
<p style="text-align: center;">zum glück<br />
weiß ich<br />
nichts</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1498645090055" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">Utopia</h3>
<p style="text-align: center;">Nichts anderes ist die Wirklichkeit<br />
als eine selbst kreierte Fiktion.</p>
<p style="text-align: center;">Nichts anderes ist der Traum<br />
als eine tieferliegende Wirklichkeit.</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605294529" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">berg.idyll/versuch I</h3>
<p style="text-align: center;">wenn die sonne<br />
vom himmel fällt<br />
ins berg<br />
massiv<br />
graben sich gedanken<br />
in harten stein</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605322458" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">berg.idyll/versuch II</h3>
<p style="text-align: center;">mit spitzen zacken<br />
fährt der alpenkamm<br />
der landschaft durchs mark</p>
<p style="text-align: center;">braun-geflecktes geläut<br />
landjägerrucksäcke<br />
schusternägel<br />
die im schuh nicht drücken</p>
<p style="text-align: center;">hie und da<br />
ein anflug von edelweiß<br />
und heimat<br />
im jausensackerl<br />
fast schon vergessene</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1488024662708" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">kein raum hier</h3>
<p style="text-align: center;">wenn der kopfjodler<br />
kreisläuft<br />
wenn lachsalven<br />
luftzeichnen<br />
schlägt ein wort<br />
an alte türen:<br />
aufmachreinlass<br />
kein einlass unter dieser<br />
ich schwirre durch zimmer<br />
tippe buchstaben an wände<br />
male kreise in ecken<br />
gehe rückwärts durch straßen<br />
trage uhren im haar<br />
und raufe<br />
es mir<br />
du mich<br />
auch</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605353986" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">zwei/sam/keit</h3>
<p style="text-align: center;">ich gebe dir mein glück<br />
gib du mir meinen frieden<br />
und frag nicht</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1490022415138" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">november</h3>
<p style="text-align: center;"><strong>aus: weinen.wiesen.blumen</strong></p>
<p style="text-align: center;">statt land<br />
stadtrand<br />
grau-schwarz</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1490022423832" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">wo ist</h3>
<p style="text-align: center;"><strong>aus: weinen.wiesen.blumen</strong></p>
<p style="text-align: center;">der winter sitzt<br />
im leben<br />
atmet kälte aus</p>
<p style="text-align: center;">beim blick aus dem fenster<br />
klirrt das eis</p>
<p style="text-align: center;">ich sitze und schreibe<br />
auf weiße blätter<br />
ich schreibe <em>wo ist</em><br />
und lege den stift beiseite</p>
<p style="text-align: center;">draußen schneit es<br />
ich friere</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605455483" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">ausflug</h3>
<p style="text-align: center;">der weiße weg<br />
endete dort<br />
wo ich begann<br />
darüber nachzudenken</p>
	</div>
</div>




<div class="wpb_text_column wpb_content_element  wpb_animate_when_almost_visible wpb_appear appear vc_custom_1484605942260" >
	<div class="wpb_wrapper">
		<h3 style="text-align: center;">warum</h3>
<p style="text-align: center;">wenn das flugzeug<br />
vom himmel fallen würde<br />
wenn ich plötzlich<br />
wände hochlaufen könnte</p>
<p style="text-align: center;">dann wäre mein<br />
jetzt-hier-sitzen<br />
ein einfaches</p>
<p style="text-align: center;">so<br />
verstehe ich<br />
die welt nicht mehr</p>
	</div>
</div>




			</div> 
		</div>
	</div> 
</div></div>
]]></content:encoded>
					
		
		
			</item>
		<item>
		<title>Sonnambulo</title>
		<link>https://www.fein-fein.at/sonnambulo/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[fein fein]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Nov 2025 22:48:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Krimskrams]]></category>
		<category><![CDATA[Textiles]]></category>
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					<description><![CDATA[Gadamer besuchte mich in meinem Haus. Wir müssten die Welt retten, sagte er, jetzt sofort, es sei keine Zeit zu verlieren. Was er vor habe, fragte ich, und dass ich erst gestern hier angekommen sei, ich machte Urlaub. Aber das interessierte ihn nicht. Dafür sei jetzt nicht der Moment, meinte er. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Gadamer besuchte mich in meinem Haus. Wir müssten die Welt retten, sagte er, jetzt sofort, es sei keine Zeit zu verlieren. Was er vor habe, fragte ich, und dass ich erst gestern hier angekommen sei, ich machte Urlaub. Aber das interessierte ihn nicht. Dafür sei jetzt nicht der Moment, meinte er.</p>
<p>Ich versuchte, ihn zu beruhigen, schenkte ihm ein Glas Wein ein. Komm, setzen wir uns auf die Terrasse, sagte ich, es ist warm. Und wir gingen nach draußen, setzten uns an den großen, alten Holztisch, Gadamer trank hastig ein paar Schlucke. Vor uns breitete sich der Garten aus, allerlei Grünzeug wuchs darin, Kräuter vor allem. Dahinter standen die noch jungen Weinstöcke in Reihen, es roch nach den sandigen Böden. An manchen Tagen vermischte sich dieser Geruch mit jenem des Wassers des nahen Atlantiks.</p>
<p>Du lebst hier wie im Paradies, sagte Gadamer. Es ist kein Wunder, dass du mit dem Elend da draußen nichts zu tun haben möchtest.<br />
Aber ich bin erst seit gestern hier.<br />
Wie auch immer, meinte er.<br />
Was hast du nun vor?, fragte ich. Woher kommst du überhaupt? Bleib doch für ein paar Tage, es gibt Platz genug.<br />
Es ist egal, woher ich komme, ich bin die ganze Nacht und den halben Tag gefahren. Da ist jemand hinter mir her.<br />
Das stimmt nicht, sagte ich, du rennst schon wieder davon. Hör auf damit, es ist sinnlos. Du wirst nirgends sicher vor dir sein.</p>
<p>Aber ich habe genug von diesem Theater, sagte er, ich spiele nur. Alles ist unecht, mein ganzes Leben ist eine einzige Parodie. Es geht jetzt nur noch darum, die Welt zu retten, alles andere macht keinen Sinn mehr, und anschließend von hier abzutreten, ohne eine Spur zu hinterlassen. Das möchte ich. Nichts zurücklassen, während alle anderen darauf aus sind, sich für immer hier zu verewigen. Das hat doch eigentlich etwas von Größenwahn, dieses unnötige Denkmalsetzen. Unsere Erde ist voll davon, wir müssen sie also retten, dringend.</p>
<p>Aber das ist ein Widerspruch, sagte ich, du kannst nicht die Welt retten wollen und dich anschließend aus dem Staub machen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Und auch noch zu glauben, damit durchzukommen. Und was soll das überhaupt heißen, die Welt retten? Das ist mir zu ungenau, da mach ich nicht mit.</p>
<p>Du bist widerspenstig, antwortete er.<br />
Deshalb magst du mich ja.<br />
Aber du gehst immer in Opposition. Seit ich dich kenne, ist das so. Das kannst du nicht machen.<br />
Warum nicht? Das kann ich doch.<br />
Siehst du, du machst es schon wieder.<br />
Nein, mache ich nicht.<br />
Ach, das ist aussichtslos, sagte Gadamer und lachte.<br />
Er verlangte mehr Wein. Schmeckt gut, schmeckt ausgesprochen gut, dieser Wein. Kommt er von den Reben dort oben?<br />
Nein, sagte ich, nicht ganz, aber aus der Nähe.<br />
Was machst du eigentlich den ganzen Sommer über hier, allein?<br />
Nichts, sagte ich.<br />
Wie macht man nichts?<br />
Indem man alles sein lässt.<br />
Und das schaffst du?<br />
Ja, sehr gut sogar. Ich mache natürlich nicht gar nichts, ich mache nur Dinge, die mich nicht anstrengen. Ich halte das Haus in Ordnung und den Garten. Ich sitze auf der Terrasse an diesem Tisch und schreibe oder lese. Ich laufe durch die Weingärten, manchmal bis hinunter zum Meer.<br />
Er ist schön, dieser Tisch, sagte Gadamer, und strich mit seiner Hand über die unebene Holzfläche.</p>
<p>Er gehörte meinen Großeltern, antwortete ich. Er stand in ihrer Stube. Zu Weihnachten saßen wir alle um diesen Tisch, während es aus der angrenzenden Konditorei meines Onkels nach Festtagsbäckerei roch. Als das Haus abgerissen wurde nach dem Tod der Großeltern blieb dieser Tisch übrig. Ich wollte ihn unbedingt haben. Aber er ist massiv und schwer. Es war nicht einfach, ihn hierher zu bringen.</p>
<p>Ich stand auf, ging ins Haus zurück und holte eine neue Flasche Wein. Ich schenkte nun auch mir ein Glas ein. Wir sollten etwas essen, sagte ich. Also holte ich auch Käse, Brot, Tomaten und eine kleine Schale mit Olivenöl. Dann ging ich in den Garten und pflückte Kräuter, nahm vom Thymian, Oregano und Basilikum, vor allem davon. Meine Hände rochen nach ihrem Aroma. Ich legte sie zum Käse und den Tomaten aufs Holzbrett. Wir begannen zu essen, prosteten uns zu und tranken einen Schluck Wein. Gadamer entspannte sich.</p>
<p>Hast du denn keine Angst hier?, fragte er. Allein?<br />
Ich bin nicht allein, sagte ich. Weiter hinten gibt es einen Bauern. Etwa fünf Minuten von hier.<br />
Das würde mich nicht unbedingt beruhigen.<br />
Aber ja, du hast recht, antwortete ich, manchmal habe ich Angst. Wenn ich ein fremdes Geräusch höre in der Nacht. Ich habe zu viel Fantasie, um mir nichts dazu auszumalen.<br />
Und was machst du dann?<br />
Ich stehe auf und gehe auf die Suche nach diesem Geräusch. Ich gehe ihm entgegen, sozusagen. Denn wenn man davonläuft und sich versteckt, wird es nur noch schlimmer. Also versuche ich, das Gegenteil davon zu machen. Wenn&#8217;s sein muss, gehe ich sogar vors Haus, gehe in den Garten bis hinauf zu den Weinbergen. Aber so weite komme ich meistens gar nicht, weil ich im Garten stehenbleibe und in den Himmel schaue. Ich schaue mir die Sterne an. Weißt du, wie fantastisch das hier ist! In manchen Nächten kann ich nicht aufhören damit, einfach nur nach oben zu schauen. Dann lege ich mich ins Gras oder auf eine Decke und bin völlig überwältigt von diesem Anblick. Darüber vergesse ich das merkwürdige Geräusch meist ganz. Nach einer gewissen Zeit weiß ich dann nicht mehr, warum ich eigentlich aus dem Haus gegangen bin, mitten in der Nacht.</p>
<p>Aber bist du wach, wenn du das machst, oder schläfst du?, fragte Gadamer.<br />
Ich weiß nicht, sagte ich, ich glaube, ich bin wach. Macht das denn einen Unterschied?<br />
Er lachte. Für mich würde es einen machen.<br />
Für mich nicht, antwortete ich. Ich bewege mich gern zwischen diesen Welten, das geht ganz leicht. Manchmal frage ich mich sogar, in welcher ich mich mehr zu Hause fühle.</p>
<p>Neulich hatte ich einen seltsamen Traum, sagte ich dann. Ich war auch in einem Haus, einem alten, dunklen Holzhaus, das aber viel größer war als meines. Es hatte einen Dachboden, der sehr gemütlich eingerichtet war. Alte Möbel standen darin und zwei Metallbetten mit geblumten Decken darauf. Alles war äußerst liebevoll hergerichtet, es war hell, die Sonne kam durchs Fenster. Ich fühlte mich sehr wohl in diesem Raum, der offen und weit war, ich überlegte, ihn für mich zu beziehen. Dann ging ich einen Stock tiefer, fand dort den Wohnraum, in dem eine gemütliche Couch stand und viele Pflanzen, auch hier war alles sehr geräumig und offen. Doch es war düster im Raum. Die Fensterläden waren geschlossen, weil draußen gerade ein gewaltiger Sturm hereinbrach. Ich ging zu einem der Fenster, die alten Läden schepperten, irgend etwas schlug konstant gegen die Wand des Hauses. Es war ein Holzbrett, das sich im Sturm gelöst hatte. Es verband das Haus mit einer kleinen Veranda, die sehr brüchig wirkte. Ich schaute nach draußen, sah Wiesen und einen Wald ganz hinten am Horizont. Darüber dunkle Wolken, es hatte zu regnen begonnen und der Wind, der ans Haus drängte, wurde immer stärker. Aber ich fühlte mich sicher und wohl hier. Ich machte mir nichts aus dem Sturm und aus den Fenstern, die nicht mehr anständig zu schließen waren, und auch nicht aus der düsteren Stimmung im Raum, weil der Mann, den ich liebe, ebenfalls hier war. Er stand hinter mir, in einer gewissen Entfernung, und versuchte, ein paar Dinge zu organisieren, er telefonierte, um jemanden vor dem aufkommenden Sturm zu warnen. Plötzlich läutete es an der Tür. Es ist meine Mutter, sagte er. Sie kommt nun öfter hierher, weil sie einsam ist. Ich vermutete, dass sein Vater gestorben sei, ich sagte, ich werde gehen und ihr die Tür öffnen. Aber ich wusste nicht, wo ich den Türöffner finden konnte. Es war also offenbar sein Haus, in dem ich mich aufhielt. Also beschloss ich, die Treppen nach unten zu gehen und die Tür direkt zu öffnen. Ich ging einen Stock tiefer, es wurde dunkler, ich ging noch einen Stock tiefer. Jetzt konnte ich gar nichts mehr sehen. Ich holte ein Feuerzeug aus der Tasche und machte Licht, bemerkte, dass beide Stockwerke noch brach lagen. Da war nichts. Nur diese unheimliche, ausladende Dunkelheit, die sich in die kahlen Räume hinein erstreckte. Aber ich ließ mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Einen Moment überlegte ich, ob es gefährlich sein könnte, die Türe einfach so zu öffnen. Wer wusste schon, ob tatsächlich seine Mutter davor stand. Aber dann besann ich mich darauf, dass ich in einem Traum war und hatte keine Bedenken mehr. Ich ging also zur Tür und öffnete sie. Und weißt du, was passierte?</p>
<p>Nein, sagte Gadamer, was?<br />
Nichts. Da war niemand. Ich ging also hinaus, weil ich diesem Klingeln auf die Spur kommen wollte.<br />
Du bist also auch in deinem Traum dem Geräusch gefolgt, sagte Gadamer.</p>
<p>Ja, offensichtlich, sagte ich. So habe ich es noch gar nicht betrachtet. Ich ging also hinaus, suchte nach dem Geräusch und plötzlich war da eine Stadt, die sich vor mir ausbreitete. Es war heiß und die Sonne schien. Die Stadt lag anscheinend am Meer, es war aber keine europäische Stadt. Ich begegnete Leuten, die gerade vom Strand zurückkamen, die ausgelassen und entspannt wirkten. Aber hinten am Horizont sah ich schon die dunklen Wolken, sah ich den Sturm aufziehen, der auf der anderen Seite des Hauses bereits wütete.</p>
<p>Und was schließt du daraus?, fragte Gadamer.</p>
<p>Ich weiß nicht, sagte ich, ich fand es erstaunlich, wie viele Facetten so ein Haus haben kann, wie viel es darin zu entdecken gibt, wenn man die Geduld dazu hat und sich traut. Dass es eine helle und eine dunkle Seite gibt. Und dass man sich auf jeden Fall beides anschauen sollte, weil es sich lohnte.</p>
<p>Wer ist dieser Mann, fragte Gadamer, in dessen Haus du warst? Seit wann liebst du überhaupt jemanden?<br />
Wohl eine ganze Weile schon, sagte ich.<br />
Du hast mir nie davon erzählt.<br />
Das stimmt, antwortete ich.<br />
Warum nicht?<br />
Weil es keinen Grund dazu gab.<br />
Aber der Umstand der Liebe an sich ist doch eigentlich schon Grund genug.<br />
Womöglich.<br />
Du willst nicht darüber sprechen, sagte er. Wird er dich auch besuchen, hier, in deinem Haus?<br />
Nein, wird er nicht.<br />
Warum nicht?<br />
Weil er es nicht möchte.<br />
Woher weißt du das?<br />
Ich weiß es eben, sagte ich.<br />
Hat er es gesagt?<br />
Nein.<br />
Aber wie hat er dann reagiert?<br />
Gar nicht.<br />
Warst du denn jemals zu Besuch bei ihm? Wirklich, meine ich.<br />
Was heißt das, wirklich? &#8230; aber nein, ich habe ihn nie besucht.<br />
Hat er dich danach gefragt?<br />
Ja, hat er. Ein paarmal.<br />
Und du hast ihn trotzdem nie besucht?<br />
Nein.<br />
Und jetzt vermutest du, ihm liegt nichts an dir, weil er nicht reagiert? Nachdem du, wohlgemerkt, auch nicht reagiert hast.<br />
Ja, das vermute ich.<br />
Aber das ist unlogisch, sagte Gadamer.<br />
Das hier hat nichts mit Logik zu tun, sagte ich.<br />
Hat es doch, antwortete er. Du bringst es doch selbst in eine logische Form. Oder hast du ihm gesagt, dass du ihn liebst?<br />
Ich denke, dass ihm das bewusst ist.<br />
Das heißt also, du hast es ihm nicht gesagt.<br />
Ich habe es ihm nicht so direkt gesagt, nein. So etwas sagt man nicht einfach so heraus.<br />
Das stimmt, sagte Gadamer, besonders du nicht.<br />
Was meinst du damit?<br />
Du gehst auch hier in Opposition. Du hast dir bestimmt gedacht, ich hüte mich davor, ihm das zu sagen. Er soll es sagen, er muss mir damit zuvorkommen.<br />
Du kennst mich zu gut, sagte ich, das ist nicht lustig.<br />
Aber du machst einen Fehler, sagte Gadamer.<br />
Den habe ich womöglich schon längst gemacht, antwortete ich.<br />
Kann man ihn revidieren?<br />
Nein, antwortete ich. Aber ich glaube auch, dass man nicht grundlos Fehler nacht. Es hat schon einen Sinn, dieses Fehlermachen, es war mir damals eben nicht anders möglich. Ich konnte es nicht besser.</p>
<p>Ich finde es trotzdem traurig, sagte Gadamer. Wie vielen Menschen begegnet man schon im Leben, die man wirklich liebt?<br />
Wenigen, sagte ich. Aber es ist in Ordnung so. Es ist in Ordnung, weil wir uns zumindest begegnet sind. Weil ich weiß, dass es ihn gibt. Und weil ich damit leben kann, dass er nicht hier ist. Mittlerweile habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich wünsche mir nur, dass es ihm gut geht.</p>
<p>Das klingt aber äußerst selbstlos, sagte Gadamer. Das hat fast schon etwas Erhabenes.<br />
Du glaubst mir nicht, sagte ich.<br />
Nein, nicht wirklich, meinte er. Ich bemühe mich ja, aber es fällt mir schwer.<br />
Nimm mich nicht auf den Arm, sagte ich.</p>
<p>Ich möchte dich nur aus der Reserve locken, sagte Gadamer. Du erzählst mir, dass du mitten in der Nacht das Haus verlässt, um einem fremden Geräusch zu folgen. Du sagst, dass es besser ist, sich zu stellen, anstatt davonzulaufen. Und was machst du in diesem Fall? So lange man hier ist, kann man Dinge verändern. So lange man hier ist, kann man immer wieder damit beginnen, sich neu auszurichten. Das stammt doch von dir, oder nicht? Das ist doch deine Meinung?</p>
<p>Trinken wir erst einmal auf diesen schönen Abend, sagte ich. Die Sonne stand schon tief, eine warme, rote Landschaft breitete sich vor uns aus.</p>
<p>Nein, sagte Gadamer, das machen wir nicht, du lenkst ab.<br />
Vielleicht möchte ich nun doch die Welt retten, sagte ich im Scherz, das erscheint mir einfacher.<br />
Ich habe nicht gewusst, dass du so viel Angst vor Liebe hast, sagte Gadamer.<br />
Hat das nicht jeder?, fragte ich.<br />
Sag es ihm!, insistierte er.<br />
Nein, antwortete ich.<br />
Das war klar, dass du das sagst. Du bist widerspenstig!<br />
Das hatten wir schon.<br />
Und ich werde es dir noch oft sagen.<br />
Aber er ist ein Mann.<br />
Was hat das damit zu tun?<br />
Er möchte es nicht hören.<br />
Warum nicht?, fragte Gadamer. Warum sollte er es nicht hören wollen?<br />
Weil es zu viel ist. Du bist auch ein Mann, möchtest du es hören?<br />
Natürlich möchte ich es hören!</p>
<p>Du möchtest es vielleicht dann hören, sagte ich, wenn es dich ebenfalls rettungslos erwischt hat. Dann möchtest du es vielleicht hören. Aber wenn du dir nicht sicher bist. Und, sei ehrlich, wer ist sich anfangs schon sicher, ob er sich ausliefern möchte. Wenn du dir also nicht sicher bist, möchtest du es nicht hören. Dann würdest du, nämlich genau du, so, wie ich dich kenne, nach so einer Offenbarung ins Auto steigen und eine Nacht und einen halben Tag lang durchfahren, nur, um dann hier anzukommen und mir zu erzählen, dass jemand hinter dir her wäre und dein Leben eine einzige Parodie sei.</p>
<p>In Ordnung, sagte Gadamer, trinken wir nun auf diesen schönen Abend. Wir hoben unsere Gläser, lachten uns an und tranken.<br />
Man sagt einem Menschen nicht einfach so, dass man ihn liebt. Und schon gar nicht sofort. Man fällt nicht mit der Tür ins Haus.<br />
Wobei wir wieder beim Haus wären, sagte Gadamer. Seit wann hast du es eigentlich, dieses Haus? Es ist unglaublich schön hier.<br />
Seit zwei Jahren, sagte ich.</p>
<p>Du musst es ihm sagen, meinte er dann. Das ist das Leben. Du hast nur jetzt die Gelegenheit dazu. Was nützt dir dieser schöne Ort, wenn du bei all dem Nichtstun ganz darauf vergisst, das Wichtigste zu erledigen? Und wenn du es ihm nicht sagen kannst, dann schreibe es. Setz dich an diesen Holztisch, wenn du alleine bist, und schreibe es auf. Schreibe unser Gespräch einfach auf. Mach eine Geschichte daraus und gib sie ihm.</p>
<p>Eine Geschichte, sagte ich, und wie heißt diese Geschichte?<br />
Das Traumhaus, sagte Gadamer und lachte.<br />
Das ist mir jetzt zu banal. Das klingt wie ein Werbeslogan. Das würde ich nicht lesen wollen.<br />
Es war ja auch nicht ernst gemeint. Mir fällt nur nichts ein.<br />
Siehst du, und genau da liegt das Problem, sagte ich. Mir fällt nämlich auch nichts ein.<br />
Du wirst es jetzt doch nicht vom Titel abhängig machen, ob du diese Geschichte schreibst oder nicht.<br />
Natürlich mache ich es davon abhängig. Ich brauche einen Titel, ich kann sonst nicht schreiben. Ich bin ein Titelfetischist. Wenn mir keiner einfällt, ist das eine schwere Niederlage. Dann kann der Text, der darunter entstehen würde, nichts Wert sein.<br />
Hartnäckig, sagte Gadamer. Hartnäckig und widerspenstig. Versuch es doch einfach einmal!</p>
<p>Es war bereits dunkel geworden. Ich ging ins Haus, um Kerzen zu holen. Die Luft war noch immer angenehm warm, Grillen zirpten. Aus den Weingärten und weiter hinten aus den Wäldern waren vereinzelte Schreie der Nachtvögel zu hören.</p>
<p>Fühlst du dich nun besser?, fragte ich Gadamer.<br />
Viel besser, sagte er. Er atmete tief durch, wirkte entspannt und ruhig.<br />
Womöglich müssen wir die Welt gar nicht retten, sagte ich. Womöglich rettet sie gerade uns.<br />
Ja, irgendwie stimmt das, meinte Gadamer. Zumindest hier, an diesem Ort, trifft das bestimmt zu.<br />
Du bleibst doch über Nacht?<br />
Wenn ich kann, sagte er, bleibe ich sehr gerne. Und morgen früh fahre ich zurück. Es ist ein weiter Weg.<br />
Ich weiß, antwortete ich, eine Nacht und ein halber Tag weit. Wohin kommt man eigentlich in einer Nacht und einem halben Tag?<br />
An viele Orte, sagte Gadamer. Das ist ja das Schöne. Ich kann es mir aussuchen. Mir stehen alle Richtungen zur Verfügung.</p>
<p>Am nächsten Morgen wachte ich früh auf. Gadamer schien noch zu schlafen. Ich ging in die Küche und machte Kaffee, richtete Frühstück auf der Terrasse.</p>
<p>Gadamer wirkte erholt, als er sich zu mir setzte. Ich habe sehr gut geschlafen, sagte er.<br />
Ich auch, antwortete ich. Ich war bereits im Garten und habe die Pflanzen gegossen. Es wird wieder ein heißer Tag.<br />
Jetzt verstehe ich, was du so machst in deinem Nichtstun. Es füllt den ganzen Tag aus.<br />
Ja, das ist richtig, das macht es, und mir wird auch nie langweilig dabei. Ich werde später mit dem Rad ans Meer fahren, sagte ich, es gibt dort einen Strand, der immer menschenleer ist.</p>
<p>Du weißt aber schon, was du noch zu tun hast?, fragte Gadamer.<br />
Ich habe hier gar nichts zu tun, sagte ich.<br />
Wie du meinst, antwortete er. Wenn du mir von Neuem widersprichst, werde ich dich nun eben hereinlegen und meine Aufforderung anders formulieren: Du wirst es ja ohnehin nie tun, du wirst nie schreiben! Und was antwortest du jetzt?<br />
Nichts mehr, sagte ich. Nichts mehr antworte ich.</p>
<p>Ich begleitete Gadamer noch zu seinem Auto.<br />
Fahr vorsichtig, die Strecke ist lang, wohin auch immer sie dich führt.<br />
Ja, das mache ich, antwortete er.<br />
Und gib Bescheid, falls du einen Plan hast, wie du die Welt retten möchtest. Ich bin auf jeden Fall bereit und werde mit dir aufbrechen.<br />
Das mache ich, sagte er. Er umarmte mich fest und lange, dann stieg er ins Auto und fuhr davon.</p>
<p>Ich ging zurück auf die Terrasse, dann ins Haus, holte Papier und Bleistift, setzte mich damit wieder nach draußen an den großen Holztisch, trank noch eine Tasse Kaffee und schrieb:</p>
<p><em>Gadamer besuchte mich in meinem Haus. Wir müssten die Welt retten, sagte er, jetzt sofort, es sei keine Zeit zu verlieren.</em></p>
<p>Dann stoppte ich, dachte an den Titel der Geschichte, der noch immer fehlte, heute wie gestern, überlegte weiter, schweifte mit meinem Blick durch den Garten, die Kräuter hatte ich vorhin zu wenig gegossen, die brauchten mehr Wasser, ich legte also den Bleistift beiseite und wanderte hinaus in den Garten, der Sternenhimmel, wie grandios dieser Sternenhimmel doch immer ist, hatte ich mich nicht eben ins Bett gelegt, ging es mir durch den Kopf, oder war das schon gestern und heute war alles anders, heute gab es diesen Titel bereits, und Gadamer fuhr erst in zwei Stunden oder war nie hier gewesen, wie dem auch sei, dachte ich, es ist auch egal, letztendlich ist alles egal. Letztendlich geht es hier nämlich nur ums Nichtstun, so einfach ist das. Und dann abzudampfen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Das hatte schon etwas.</p>
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