Erzählung (Auszug)
1 Schnee und ein Angsthase
Ein Skifahrer also. Blum ein Skifahrer. Als ob allein die Tatsache, dass er nachts davon träumte, schon dafür ausreichte. Er habe ständig irgendwelche Pisten zu bewältigen, immer dasselbe Szenario, er sehe nichts, alles sei weiß und undurchdringlich und er müsse nach unten. Es gebe für ihn mittlerweile nur noch zwei Jahreszeiten: Tag und Winter. Und dass dieser ganze Schnee bedenklich sei. Für einen wie ihn, der mit der Spezies, die ihre Freizeit verwedelt, nichts anfangen könne, sei das überaus bedenklich. Und dass der erste Schnee, der richtige erste Schnee, schon sehr gemein daherkäme – so zart und unauffällig, der schleiche sich regelrecht ein.
In Wahrheit war Blum über die Maßen unsportlich. Ein Bergler, der mit Bergen nichts am Hut hatte. Dem die Skier am liebsten abgeschnitten und übers Kreuz gelegt an die Hüttenwand genagelt waren, vor der er dann saß und sein Bier trank. Manchmal auch mehrere. Da war er nicht so zimperlich. Schließlich musste man sich auch als Nichtskifahrer seine Freizeit vertreiben. Und immer wieder sprach er davon, dass er irgendwann von hier weggehen würde. Und dieses Irgendwann klang so, als hätte er, ausgerechnet er, unbewusst, wie er lebte, ewig Zeit dafür gehabt. Elke, seine Verlobte, die meistens und längstens bis zum fünften Bier neben ihm saß, verdrehte dann wie gewohnt die Augen. Manchmal sagte sie „ja, sicher“, oder sie nickte nur stumm.
Irgendwann wurde dem Blum die ganze nächtliche Skifahrerei dann aber doch zu viel, weil er immer schweißgebadet aufwachte. Kreuz und quer durchs Bett gewälzt, sah sein Laken von oben aus wie ein kartografiertes Bergland. Er hockte dann meist schon im Morgengrauen aufrecht im Bett, überbrückte die Zeit bis zum Aufstehen mit Vor-sich-Hinstarren, Ins-Dunkel-des-Zimmers-Hineinstarren, planlos und gequält, während der Schweiß in seinen Kniekehlen langsam auftrocknete. Manchmal folgte er dem kaleidoskopischen Schattenspiel seiner Pupillen. Manchmal war er überzeugt davon, einen Windhauch zu spüren, eine Art Energie, die an ihn herantrat. Manchmal hatte er einfach nur Angst. Auf seinem Nachttisch stapelten sich Bücher. Aufeinander lagen sie, durcheinander, quergelesen, seitenweise eingelegt und angestrichen. Ein fast leeres Blatt irgendwo dazwischen, darauf, in Ansätzen, ein wertvoller Gedanke. Das war alles, was Blum zustande brachte. Ansätze von etwas. Kurz bevor der Morgen dann da war, der richtige Morgen, verfiel Blum, erschöpft vom verkrampften Dahocken, regelmäßig in eine Art hypnotischen Tiefschlaf und schaffte es nur selten, pünktlich aus dem Bett zu kommen. Die Skifahrerträume mussten ihn über Jahre geplagt haben. In der Hütte erwähnte er sie mit keinem Wort mehr. […]
2 Barbara im Laken
Als die Glocken des nahen Volto Santo vier Uhr schlugen, wachte Blum auf. Wie ein massakrierter Wurm lag er auf dem fremden Bett, in sich zusammengezogen, beinahe gliederlos. Durch die Ritzen der alten Holzjalousien siebte sich das helle, laute und schwüle Leben von draußen gemächlich ins Rauminnere. Ein kleiner Hitzeteppich hatte sich auf ihn gelegt, ihn in Folie gewickelt. Es roch fremd und nach Pinie. Blums verschlafene Blicke wanderten forschend durch den Raum, die weiße Schrankwand entlang, vorbei am alten Fernseher und den Fotografien der kleinen Ahnengalerie, dann zum halb offenen Fenster, den Holzjalousien, vor deren ritzenhaften Scheinwerfern der Staub im Rauminneren tanzte, bis hinauf zur schönen, großen Deckenleuchte, ein dunkelblau-weiß gestreiftes Ding aus Glas und Porzellan, ihr spitzes Ende richtete sich von oben genau auf Blums Brust. Er lag immer noch da, eingewickelt, unbeweglich. Die Kleider, die er schon während seiner Reise getragen hatte, rochen unangenehm. […]
Blum versuchte nun, vom Bett aufzustehen, umfasste ein Bein mit beiden Händen, als wollte er Zentnerlasten bewegen, stellte es auf den weiß gefliesten Boden, dann das zweite daneben, stemmte sich mit Schwung nach oben und jetzt erst, da er aufrecht stand, kehrte langsam wieder Leben in seinen Körper zurück. Benommen schlich er durch den kahlen Flur, ging ins Nebenzimmer, die ganze Wohnung war weiß gefliest, steuerte auf die Balkontür zu, öffnete sie und trat hinaus. — Vor ihm lag Neapel in einem dunstigen Kessel, in dem es brodelte und der Geräusche, protuberanzengleich, an Blums Ohr schleuderte. Dahinter das Meer, der Golf mit den Inseln und links, am Rande seines Blicks, der Vesuv. Die Luft war warm und angenehm, das rötliche Licht der Nachmittagssonne legte sich wie ein Filter über die Stadt. Blum begaffte die Kulisse, überrascht und fassungslos, als hätte man ihn entführt und ausgesetzt. Er fuhr sich nervös durchs Haar, massierte ein wenig seinen Kopf, als könnte er ihn formen, dann quietschte er leise. Doch das half jetzt auch nichts mehr. […]
Er sah sich um. Der in die Jahre gekommene Palazzo, an dessen Mauern Kabel wie Efeutriebe kreuz und quer liefen, die gelbe Wandfarbe von der salzig-feuchten Meeresluft abgefressen, jeder Balkon ein Sammelsurium kleiner, nach außen gestülpter Leben. Ein Hund kläffte einen Stock höher, ein Kind schrie, eine Frau schimpfte das Kind, der Hund kläffte lauter, dann schimpfte die Frau den Hund. Und immer wieder Autos, die sich dem kurvigen Straßenverlauf eingenäht hatten, daherpreschten, den Palazzo umsteuerten und wieder verschwanden, Hupgeräusche dazwischen, von Weitem ein Folgetonhorn. Menschenstimmen irgendwo, ohne dass Menschen zu sehen waren. Und unten, am Grunde seines Blicks, ineinandergekeilte Häuser, willkürlich in den Kessel der Stadt geworfen und liegen geblieben. Kein Fleck, an dem sich das Auge ausruhen konnte. Alles war übertriebenes Sehen, alles verschachtelt, übereinandergestapelt, improvisiert und willkürlich platziert, ohne erkennbare Ordnung. Rechts im Bild, ganz in der Nähe, entdeckte Blum den Kirchturm des Volto Santo, es war fast halb fünf. Barbara landete in gut zwei Stunden. […]
Um sieben Uhr holte Blum Barbara vom Flughafen Capodichino ab, packte sie samt Gepäck in ein Taxi und fuhr mit ihr auf kurzen Wegen hinauf zu den Ponti Rossi. Dort legte er sie ohne Umschweife in das fremde Bett und zerknitterte sie wie ein Laken. Danach sahen beide demoliert aus. Blum hatte das Gesicht eines alternden Mannes, er fühlte sich überanstrengt. Barbara zupfte sich emsig ihre Wangen zurecht. Sie wirkte unbeschwert. „Du riechst nach Lavendel“, sagte sie. Dann verschwand sie so kompakt aus dem Raum, wie sie ins Bett gekommen war. Blum bewegte sich nicht. Die Schwüle von draußen lag wie ein feuchter Lappen auf ihm. Er dachte an Schnee. […]
3 Bruno Lamenti, ein Postkartenleben
[…] Lamenti machte sich einen Spaß daraus, Blum in Viertel zu bringen, die alles andere als touristentauglich waren. Sie fuhren von der Altstadt die Via Duomo entlang, dann weiter durch engere Gassen. Lamenti manövrierte das kleine, scheppernde Automobil mit einer Leichtigkeit durch alle Unvorhersehbarkeiten der Stadt, als hätte er nie in seinem Leben etwas anderes getan. Blum wagte einen verstohlenen Blick auf die Pedale, zählte sie, suchte die Bremse. Doch Lamenti bremste nie. Er bewegte sich mit all den anderen Fahrzeugen in einem Fluss aus stillschweigendem Einverständnis. Es war ein kunstvolles, bemerkenswertes Fahren, eines, das Blum sich unmöglich zugetraut hätte. Jede zu bewältigende Kreuzung, davon war er überzeugt, hätte ihn psychisch ruiniert. Dann waren sie in der Sanità und gerieten in einen Stau. Lamenti drückte die Türverriegelung nach unten und schaute Blum aufmerksam an. „Das ist nun also deine Hölle“, sagte er. „Wenn’s nicht schlimmer wird, kann man sich durchaus ein paar Verfehlungen im Leben leisten!“ Er lachte ausgelassen und kurbelte das Fenster einen Spalt weit nach unten. Es war schwül und stickig im Auto, das keine Klimaanlage besaß.Für Blum war die Sanità die Hölle. Sein Blick war auf den vielen Fahrten schon öfter über die Dächer des Viertels gestreift, wenn sie auf dem Corso Amedeo di Savoia stadtauswärts fuhren. Die Straße führte über eine Brücke, die Ponte della Sanità, in deren bodennahem Schatten sich das Viertel ausbreitete wie ein Gewächs. Die Brücke war gesäumt von einem Metallgitterzaun mit spitzen Enden – kleine, nach oben gerichtete Lanzen, eine nach der anderen. Man konnte sich bei einem Blick in den Abgrund glatt daran aufspießen. Den Zaun gab es deshalb, weil man genug von den selbstmörderischen Aktivitäten hatte, die sich auf dieser Brücke abspielten. Es waren, so behauptete Lamenti, vor allem sitzengelassene, schwangere Frauen, die am Ende ihres Falles zu einer unschönen Erinnerung wurden.
In der Sanità schienen das Licht und die Aussichten auf Besserung um ein paar Grade gedimmt. Sie fuhren durch enge Gassen, vorbei an desolaten Wohnhäusern, deren Mauern das Schmutzige und Dunkle der Stadt konservierten. Nach oben hin wurde das Viertel von einem verheerenden Kabelgewirr überspannt, dessen Ausläufer an den maroden Häuserfassaden wurzelten. Eine tollwütige Spinne war hier zu Gange, dachte Blum, entsann sich zur gleichen Zeit, dass Spinnen wohl keine Tollwut haben konnten, aber alles hier sah ganz danach aus. […]
4 Die Inversion des Glücks
Für Elke war Blum ein Künstler. Oder ein Intellektueller. Einer, der schreibt, eben. Und auch wenn sich in Blum beides nicht eindeutig manifestierte, so war er doch eine angenehme Konzentration von Vergeistigung in dieser sonst so körperlichen österreichischen Stadt. Elke mochte Blums Spontaneität, weil sie positiv und linear dachte. Man hätte sonst auch Inkonstanz dazu sagen können. Er war nämlich äußerst spontan, wenn es darum ging, lang durchdachte Pläne zu verwerfen, absolut unspontan jedoch, wenn er zu Kompromissen aufgefordert wurde. Blum überraschte sie regelmäßig mit ungewöhnlichen Aussagen, mit „Marginalwissen“ und „Nischendenken“, wie sie das definierte, weil es „solche wie ihn“, die „so Sachen sagen wie er“, nicht allzu viele hier gab. Blum konnte damit gut leben. Er selbst fühlte sich in seiner Mittelmäßigkeit weder als Künstler noch als Intellektueller und genoss gerade deshalb die Sonderstellung, die Elke für ihn herausgearbeitet hatte. Mit seiner eigentlichen Arbeit beschäftigte sie sich wenig, und so hatte sie weder einen Beweis für ihre Behauptungen noch eine Ahnung von dem, was sie sagte, aber sie hatte Selbstvertrauen. Und das genügte in dieser Angelegenheit. Dafür mochte er sie: Sie machte aus ihm etwas, das er nicht war, er ließ sich gern von ihr loben, er war angewiesen auf ihr gutes Zureden, sie gab ihm das Gefühl, das Richtige in seinem Leben zu tun.
Mit dem allseits verbreiteten Sportjackenwahn hatte Blum aber gar nichts gemein und deshalb kein schweres, so aber doch ein sozial unspektakuläres, wenn nicht gar langweiliges Leben. Die Stadt lähme seine Gedanken, sagte er manchmal. In diesem Pathos eröffnete sich die ganze zweifelhafte Größe Blums. Weil, wenn er ehrlich war, brauchte er gerade diese morbide Einstellung, um überhaupt über die Runden zu kommen. Blum war im Grunde genommen kein glücklicher Mensch und das wahre Glück, wäre es ihm je widerfahren, hätte ihn in der Tat nur noch unglücklicher gemacht. Deshalb war er trotz aller Verfahrenheit der Situation zufrieden mit sich und seinem Leben. Er nannte das invertiertes Glück. Elke nannte das Nischendenken. Aber sie kam damit zurecht.
Dafür mochte sie ihn: Er hatte eine ihr unbekannte Art zu denken, eine, die sie nicht beherrschte, ihr Leben spielte sich nicht in Zwischentönen ab. Sie war eine Praktikerin, organisiert und sozial kompetent. Ihr dominantes, selbstbewusstes Wesen fühlte sich jeder Konfrontation mit dem Leben gewachsen. Nicht einmal die langen, kalten Wintermonate, die hartnäckigen Schneeberge und die düstere Stimmung der Natur konnten ihr etwas anhaben. Sie fand in ihrem klar durchdachten Vorgehen sogar noch Platz und Gefallen für eine solch undefinierte Seelenpflanze wie Blum. Er war ihre wilde, konturlose Seite, ihre rechte Gehirnhälfte, die ohne ihn brach lag. Während Elke ihr gemeinsames Leben strukturierte, schattierte es Blum beharrlich mit den illustresten Gedankenauswüchsen. Er brachte die Tiefe in ihr gemeinsames Bild, um das sie den Rahmen legte. Und so sah dieses Bild aus: Er, der Elke auf ihrem geraden Weg durchs Leben hinterherlief und immer wieder ins Schleudern geriet, der ausscherte nach allen Seiten wie ein nervöses Karnickel an der Leine. […]
5 Vom Wedeln und anderen raffinierten Sachen
Kraus fand Blums Wedel-Kolumne dreist. Was er sich dabei gedacht hätte, wollte er wissen. Wer das lesen solle. Ob ihm klar sei, welches Tier er da zu schlachten gedenke. Zudem sei die Qualität des Geschriebenen alles andere als zufriedenstellend. Blum sei doch kein Anfänger, was ihm da nur passiert sei. Da könne er auch einen Schulaufsatz seines Buben abdrucken – „Buben“, sagte er. Blum erinnerte sich an ein Zusammentreffen mit diesem Buben, einem pubertierenden, an allem desinteressierten Wesen, der eine Ausstrahlung hatte, als würde er bar jeden Talents durch die Welt schlendern. Kraus hatte diesen Buben eines Sommers zu einem Praktikum bei der Zeitung verdonnert. Er setzte ihn jeden Morgen ins Büro eines Kollegen, ließ ihn tagsüber dort verkommen und holte ihn am Abend wieder ab. Der Kollege sah nach diesem einen Monat mit dem Buben des Chefs an seiner Seite richtig mitgenommen aus. Der Bub hingegen sah immer gleich aus. Ein wenig verpickelt, ein wenig hormongestört, ein wenig antriebslos allem gegenüber. Die Pubertät setzte ihm sichtlich zu. Ein wenig rieche er auch, erzählte der Kollege, der mit dem Buben auf Augen- und Nasenhöhe saß, einem anderen im Geheimen. Bald wusste es die ganze Redaktion. Der Bub komme ganz nach dem Vater, höhnte man. Und die Aufsätze seines Buben, fuhr Kraus nun fort, seien, das müsse er leider zugeben, atomare Wortkatastrophen. Blum schüttelte unwillkürlich den Kopf. Ein Tier schlachten, ausgerechnet er. Das war ausgeschlossen. Wie kam Kraus nur auf diese ekelhafte Metapher? […]
Als Blum hinaustrat, wartete bereits Angelika, die Chefsekretärin, auf ihn. Wie eine Kreuzspinne saß sie auf ihrem fetten Thron und hatte ihr undurchdringliches Netz in alle Richtungen gesponnen.
Angelika war das Gustostückerl der Redaktion. Mit ihren zarten 34 Jahren sah sie aus wie ein Gebilde kurz vor der Pension. Sie war klein gewachsen und üppig, eine barocke Figur, die gerade einem Gemälde entstiegen und direkt auf dem Bürosessel in Kraus‘ Vorzimmer gelandet war. Ihr Gesicht, spärlich zusammengehalten von einer rahmenlosen Brille, war ausdruckslos, umgeben von sehr dünnem, brünettem, kinnlangem Haar, das ihr einzeln, fadengleich wie Nähseide, vom Kopf tanzte. Ein mediokres Wesen von glanzloser Präsenz, das nichts Anziehendes an sich hatte. Nur ihre Hände waren außergewöhnlich elegant, was Blum bei jedem Anblick aufs Neue überraschte. Mit ihren langen, dünnen, sehr gepflegten Fingern glitt sie über die Tastatur wie über ein Piano. Und Blum fragte sich ernsthaft, wie es diese schönen, zarten Glieder nur mit dem kümmerlichen Rest von Angelika aushielten.
Am Schlimmsten jedoch war ihre Art, dominiert von einer unglaublichen Durchtriebenheit, die nicht davor zurückschreckte, ihr Umfeld bei jeder Gelegenheit vorzuführen. Und Blum war, aus unerklärlichem Grund, zur Lieblingszielscheibe ihrer gemeinen Zirkusnummern geworden. Angelika war eine Meisterin des Mobbings. Wegen Erscheinungen wie ihr war dieses Wort erst kreiert worden. Sie wirkte sprachverändernd. Und bewusstseinsverändernd. Anfangs fütterte sie die ganze Redaktion mit Schokopralinen und Selbstgebackenem an, und dann, als sich alle sicher fühlten in ihrem süßen mütterlichen Schoß, schlug sie schonungslos zu. […]
Als Blum abends das Büro verließ und Angelika im trüben Schein ihrer Schreibtischlampe noch arbeiten sah, blieb er einen Moment lang stehen und sah ihr dabei zu, wie sie, vornübergebeugt, mit koboldartiger Bösartigkeit ihre Tastatur manipulierte. Da verspürte er aufrichtige Lust, ihr vor dem Bürogebäude aufzulauern und hinterherzuschleichen, mutwillig einzudringen in ihr kleines, durchschnittliches, schauderhaftes Hexenhausleben.
6 Barbaras Sehnsucht
[…] Sie standen im Museum von Capodimonte, das ganz in der Nähe der Wohnung lag, und betrachteten das vielschichtige Szenario auf dem riesigen Wandteppich, der vor ihnen hing. Die minutiöse Darstellung einer Szene aus der Schlacht von Pavia, ein gedrängtes Durcheinander an kämpfenden Männern in Rüstungen, bewaffnet mit langen Lanzen, auf Pferden sitzend, vom Pferd gefallen, erstochen, fliehend. Manche, die noch lebten, trieben sich in der bis ins kleinste Detail gearbeiteten Landschaft herum, versteckten sich hinter Büschen, ertranken in dem Fluss, der von rechts oben nach links unten die Szene durchkreuzte. Sieben dieser Teppiche kleideten den Raum aus, jeder zeigte eine andere Szene. Jeder war beeindruckend. […] Barbara war begeistert von der aufwendigen Arbeit, die sich Menschen hier angetan hatten. Das Knüpfen eines solchen Teppichs hatte bestimmt Jahre gedauert. Wenn man am Anfang einer solchen Arbeit saß, war kein Ende in Sicht. Besonders bedenklich waren jene Teile, die Landschaften darstellten. Man knüpfte vielleicht wochenlang nur an einem Blatt. Wenn man Glück hatte, war es ein Baum. Wenn man Pech hatte, war es Wasser, Erde, Wald – gleichförmige Flächen, die nur in der Betrachtung des Gesamten einen Sinn ergaben. Blum, für den jede Art von Kunst ein Produkt der Verzweiflung war, einer Verzweiflung über das Menschsein an sich, über dessen Bedeutungslosigkeit im unfassbar Großen, das alles umgab, war augenblicklich deprimiert bei der Vorstellung, dass irgendeine arme Seele ihre Zeit damit verbrachte, dunkle, konturlose Büsche auf riesige Teppiche zu knüpfen, die nicht einmal Beiwerk waren im großen Szenario, sondern einfach nur verschwanden.„Bist du geduldig?“, wollte Barbara wissen. „Nein. Sehr ungeduldig“, sagte Blum. „Aha“, meinte Barbara, „wir sind verschieden.“ Blum sinnierte über diesen Satz: „Wir sind verschieden.“ Der konnte zweierlei bedeuten. „Wenn wir irgendwann wirklich verschieden sind, unwiderruflich, hat das alles hier keine Relevanz mehr. Ob ich Barbara nun liebe oder ob sie mir gleichgültig ist, ob ich diesen Wandteppich stundenlang betrachte oder einfach an ihm vorübergehe. Ob ich der Blum bin, den man sich erwartet, oder nur irgendein Blum, ein Wesen nicht nachvollziehbaren Gemütsinhalts.“ Er begriff, dass er nicht das Leben führte, das sie alle irgendwie zu führen schienen. Dieses Leben, das einem ungeschriebenen Codex folgte. Das mustergültig war, so wundervoll vorzeigbar und tadelsfrei. Das die Grundzüge des Menschseins passgenau einknüpfte und verwebte zu einem evolutionsschweren Abbild, das wandteppichartig alles überlagerte. Und er wusste nicht, ob er sich dafür schämen, sich als Außenseiter fühlen sollte oder ob es zulässig war. Ob auch das eine Option war, die Anerkennung finden konnte oder zumindest geduldet wurde. „Manchmal vergesse ich, dass ich sterben muss“, sagte Blum schließlich. Barbara sah zu ihm herüber, schüttelte den Kopf. Dann zerrte sie ihn am Arm, sie verließen den Raum, das Museum, stiegen in ein Taxi und fuhren hinauf zum Castel Sant’Elmo. […]
7 Die Genugtuung
[…] Elke überspielte Blums Unvermögen, sie in ihren Plänen zu unterstützen, vielleicht sogar aktiv zu partizipieren, meist gekonnt. Sie kannte ihn ja, ihren Matz. Ihren Matz Blum. Ein Verkomplizierer war er, ein Querdenker, ein Hinterfrager: ein unflexibler Zeitgenosse durch und durch. Wenn es um grundlegende Lebensfragen ging, verhielt er sich wie ein Autist, kam mit den einfachsten Entscheidungen nicht zurecht. Und wenn sie ihn darauf hinwies, wenn sie mit ihm lernte, die einfachen Dinge zu bewältigen, machte er ein verdutztes Gesicht und hatte es wenig später wieder vergessen. Blums Welt war eine andere, eine unzugängliche.Er war ein Insulaner seiner Gedanken, manchmal wanderte er durch Gegenden, die
menschenleer waren, weil ihm keiner dorthin folgen wollte. […]
In der Nacht nach dem Antrag wurde Blum von Unruhe geplagt. Er starrte hellwach ins Zimmerdeckennichts eines dunkelgrauen Raumes. Elke schlief wie gewohnt neben ihm, als wäre nichts geschehen. Blum schaute sie durch die D

